Evelyn Hödl

07. May 2020

Das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung

von Hödl Evelyn am 07. May 2020, 19:36 Uhr

75 Jahr Ende des II. Weltkrieges

75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen

Fast untergegangen ist dieses Gedenken durch das derzeit vorrangige Thema Nr. 1 der Politik, der Medien und der Öffentlichkeit, die COVID-19-Pandemie. Und doch ist dieses Datum mehr als nur ein sich langsam abnutzendes Ritual von Erinnerungen, mit denen wir uns in den letzten Jahren so oft auseinandergesetzt haben:

2018: 100 Jahre Ende des I. Weltkrieges und 100 Jahre Erste Republik; 2019: vor 80 Jahren Beginn des II. Weltkrieges, 2020: 100 Jahre Österreichische Bundesverfassung und: Ende des II. Weltkriegs vor 75 Jahren.

 

Die Weltkonstellationen, die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Strömungen von damals mögen unserer Gegenwart fremd sein. Es leben nur noch wenige der ZeugInnen jener furchtbaren Zeit, die die meisten von uns durch die Gnade der späten Geburt bestenfalls aus Geschichtsbüchern, politischer Bildung oder Erzählungen kennen. Wer wird die Erzählkultur weiterführen, wenn sie sterben?

 

Um dieser Erzählkultur willen ist es wichtig, sich zu erinnern. Erinnerung bedeutet nicht Verharren im Vergangenen, sondern Auseinandersetzung mit der Geschichte. Erschütternde und grauenhafte Bilder, die uns aus historischen Dokumenten übermittelt werden, sind nicht dazu da, aus dem Entsetzen heraus verdrängt zu werden oder das Vergangene endgültig ruhen zu lassen. Auch wenn von manchen gesellschaftlichen Gruppen immer wieder der Ruf nach einem "Schlussstrich" ertönt; auch wenn viele der Meinung sind, es sei längst genug der Erinnerungskultur. So, als könne man diese Aufgabe als erledigt abhaken und sich unbelastet der Zukunft zuwenden. Wer dies glaubt, läuft Gefahr, gesellschaftlich auf beiden Augen zu erblinden.

Gerade durch die - coronabedingte - öffentlichen Kargheit ist das Gedenken an die Geschehnisse des Mai 1945 unverzichtbar.

 

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch...[1]

 

Es braucht das Einmahnen der Verantwortung der politischen EntscheidungsträgerInnen, der Medien, der Öffentlichkeit und der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger Europas und der außereuropäischen Akteure dieses Krieges. Denn das Gespenst der nationalsozialistischen Ideologie mit ihrem Rassenwahn, der zur Auslöschung eines großen Teils der europäischen jüdischen Kultur und zu 6 Millionen Toten der Konzentrationslager führte, dieser Un-Geist ist noch nicht überwunden.

 

Sie mögen angesichts der Pandemie vorübergehend leiser geworden sein: die populistischen, engstirnig-nationalistischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Parolen aus allen Winkeln der Welt. Sie sind aber nicht verstummt, und sie werden mit Sicherheit neue Angriffsflächen, neue Strategien und neue Sündenböcke finden. Antisemitismus und Rassenwahn, die zur größten politischen und menschlichen Katastrophe der Geschichte, den systematisch geplanten und durchgeführten Massenmorden der Shoa geführt haben existieren nach wie vor, mögen sie sich als Kapitalismuskritik, Traditionalismus oder Heimattreue tarnen. Ihre RepräsentantInnen bedienen sich alter Vorurteile und Stereotype, neuer Weltverschwörungsmuster und neuer Namen: AfD oder FPÖ, Vlaams Belang oder Rassemblement National, Alt-Right-Bewegung (USA) oder Identitäre; von Salvinis Lega Nord bis zu den Schwedendemokraten haben sie ihr Netz über Europa und darüber hinaus gespannt.

 

Ihre Ideologie ist vielleicht nicht mehrheitsfähig. Aber sie waren sehr erfolgreich, die Politik vor sich herzutreiben und Maßnahmen der Diskriminierung von Nicht-Staatsbürgern im sozialen, wirtschaftlichen, oder Bildungssektor durchzusetzen. Österreich unter der türkis-blauen Koalition ist dafür ein gutes - oder vielmehr schlechtes - Beispiel.

 

Die Muster sind die altbewährten: Ausgrenzung der "ANDEREN" durch enge Definition der "WIR"-Gruppe, Herabsetzung der "Anderen", Schüren von Neid, Misstrauen und Verlustängsten und letztlich die Identifizierung von Sündenböcken. Das mögen die MigrantInnen, die Muslime und Muslimas, die Flüchtlinge, die ChinesInnen oder die Juden und Jüdinnen sein.

 

Die Wiedergänger: der Nationalstaat und der starke Führer

 

Der Rückzug in den Nationalismus war und ist ein starker und bedenklicher Trend des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Sehnsucht nach dem "starken Mann" wächst auch in den demokratischen Gesellschaften. Die Ursachen dafür sind in der Verunsicherung und Angst vor Globalisierung, Ausgrenzung, Identitätsverlust und sozialem Abstieg zu finden. Sie sind Zeichen des Versagens der internationalen Gemeinschaft und der nationalen Politik und Gesellschaft, die sich verantwortungslos der neoliberalen Marktideologie untergeordnet und das Gemeinwohl den Interessen der Konzerne geopfert haben. Dass viele ihr Heil gerade im Nationalismus suchen, mag angesichts weltweiter Herausforderungen wie der Klimakrise oder der COVID-Pandemie paradox erscheinen. Aber der Wunsch nach Geborgenheit in der überschaubaren "Lebenswelt" und nach Schutz, garantiert durch den mächtigen Führer, ist ein wirkmächtiges Motiv. Das "sich Einschließen" in kontrollierbare Grenzen geht jedoch zugleich einher mit dem Ausgrenzen all jener, die nicht der eigenen Gemeinschaft angehören: MigrantInnen, unbeliebte Volksgruppen, religiöse und kulturelle Minderheiten, politisch Andersdenkende,...

 

Dies ist ein Warnsignal: Demokratie und Menschenrechte, die großen Errungenschaften der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind in Gefahr. Demokratie ist nicht selbstverständlich, sie muss im Zusammenleben verwirklicht, aktiv gestaltet werden. Demokratie fordert Partizipation und Verantwortung aller ein. Sie ist kein Kuschelsofa, auf dem wir es uns bequem machen dürfen und kein Exklusivklub für begüterte Gesellschaften. Autoritäre Entwicklungen in unseren Nachbarländern, populistischer "Trumpismus" und das unkritische Konsumieren und Verbreiten von Fake News sollten uns aufwecken und aufschrecken.

 

Nein, die politischen Bedingungen heute sind nicht so einfach mit jenen der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu vergleichen. Aber es gilt, einige Parallelen zu beachten. Die Zwischenkriegszeit (1920 - 1939) war geprägt von Verunsicherung, Identitätsverlust, sozialen und wirtschaftlichen Krisen und diktatorischen Regierungen in großen Teilen Europas. Ähnliche Entwicklungen nehmen wir auch gegenwärtig wahr: die Erosion des demokratischen Bewusstseins, die Relativierung von Menschenrechten (wie in der Flüchtlingsfrage erkennbar wurde), der soziale Abstieg und die wachsenden Ängste einiger Bevölkerungsgruppen und damit die Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

 

Dies ist der Sinn der Erinnerung an das Kriegsende in Europa am 8. Mai 1945. Sie ist Mahnung und Appell zugleich. Denn es ist - dringlicher als je zuvor - unsere Aufgabe, die Ideologie, die Politik, die Prozesse, die Motive zu analysieren, die zu diesem Krieg und zur Massenauslöschung von 6 Millionen Opfern führten.

 

Eine Kultur der Erinnerung - Identität und Zukunft

 

Berührend die Kranzniederlegung durch den Bundespräsidenten am 5. Mai, dem Tag der Befreiung, im menschenleeren ehemaligen KZ Mauthausen.

"Mauthausen ist nicht vom Himmel gefallen", sagte Alexander van der Bellen. Es war der furchtbare Endpunkt eines Prozesses, an dessen Beginn das Schweigen und Wegschauen standen.

 

Und gerade darum ist es unsere Aufgabe heute - und die aller kommenden Generationen -  nicht zu schweigen und wegzuschauen, wo Diskriminierung, Antisemitismus, Rassismus, Herabwürdigung, Verfolgung geschehen. Es ist vielmehr unsere Pflicht, aufzustehen und einzustehen, wo und wann und von wem auch immer Menschenwürde, Menschenrechte, Freiheit und Demokratie angegriffen und verletzt werden.

 

Dies ist die politische Dimension der Erinnerungskultur: sie ist tiefstes Fundament und Beweggrund für das auf die Zukunft ausgerichtete Handeln. Zugleich bedeutet Erinnerung auch Identität und Selbstbestimmung: eine Beziehung zur Geschichte herzustellen, auch wenn diese Geschichte mit Schuld beladen ist.

Es geht nicht darum, den nachfolgenden Generationen die Schuld, das Versagen, die Taten der Eltern und Großeltern aufzubürden. Es gilt aber, diese Schuld im Gedächtnis zu bewahren, um die Welt, die gegenwärtigen Konstellationen, die eigene Position zu begreifen.

 

Nur in dieser Beziehung zur Geschichte (zur eigenen und zur gesellschaftlichen) ist verantwortungsbewusstes, ethisches Handeln möglich. Die Erinnerung zu verweigern bedeutet, sich der Selbstbestimmung und der Verantwortung für die Zukunft zu entziehen. Nur wer sich der Frage von Schuld, Bedrückung und Unheil aufrichtig und offen zu stellen vermag, kann Verantwortung und Freiheit leben.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung". [2]


[1]     Bert Brecht, 1955, als Warnung vor dem Wiedererstarken des Faschismus

[2]     Jüdisches Sprichwort, eingraviert an der Gedenkstätte der Shoa "Yad wa Schem" in Jerusalem

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