Traude Novy

31. Aug 2020

Corona back

von Traude Novy am 31. August 2020, 12:19 Uhr

11. – 31. August

Wie zu erwarten war, steigert der zunehmend sorglose  Umgang mit den Vorsichtsmaßregeln und die Reiselust auch die Ansteckungszahlen – Corona ist back, aber es war ja nie weg und wird noch lange nicht weg sein.

Die Tatsache macht mich wütend, aber der Zorn über die Situation geht ins Leere, da ist nichts greif- und angreifbar – ich spüre in mir die hilflose Wut, die ich als Kind oft empfunden habe. Da hilft nur ein wenig orientalischer Fatalismus – es ist, wie es ist. Aber es macht etwas mit meinem Lebensgefühl. Der endgültige Abschied vom Alltag wie er früher einmal war, ist eine immer wahrscheinlicher werdende Option. Denn wie das mit dem Impfstoff funktionieren wird, der vielleicht, außer in der breit angelegten menschlichen Versuchsanordnung in Russland, auch irgendwann bei uns verfügbar sein wird, ist noch unklar. Die Staaten haben sehr viel Geld in die Forschung gesteckt, aber werden wir Bürgerinnen und Bürger auch die Nutznießerinnen sein, oder wird es ein Riesengeschäft für die Pharmaindustrie und die Gesundheitssysteme zahlen noch einmal? Wer werden die ersten sein, die geimpft werden? Die, die es sich leisten können? Und wer vertraut einem so schnell entwickelten Serum?

 

Das Virus kommt mit dem Auto, das war die erste Erkenntnis, die uns unser Bundeskanzler nach langer medialer Abwesenheit, zukommen ließ. Es war zu erwarten, dass die Reisezeit wieder zu einem Ansteigen der Zahlen führen würde, aber die Schlussfolgerung unseres Kanzlers, dass es vor allem die rückkehrenden Verwandten-Besuchenden aus den einschlägigen Ländern seien, fügt sich nahtlos in sein Migranten-Diffamierungs-Wording.

Ich glaube, ich habe jetzt eine teilweise Erklärung dafür, weshalb einem jungen Mann mit Null-Lebenserfahrung von erfahrenen Frauen und Männern zugetraut wird, unser Land zu führen. Er sieht aus und kämmt sich wie der junge Kaiser-Franz Josef. Dieser hatte 1848 mit jugendlichen 18 Jahren nach einem niedergeschlagenen Putsch der Bürgerinnen und Bürger die Regentschaft übernehmen müssen, nachdem sein kaiserlicher wenig attraktiver Onkel gezwungen war, die Geschäfte zurückzulegen. Es scheint so zu sein, dass tief drinnen in vielen von uns noch der Traum nach alter Größe und deren monarchischer Regentschaft nicht ganz vergessen ist und das Unbewusste ein Schnippchen schlägt. Anders ist es ja nicht zu erklären, dass Kaisers Geburtstag im August in Bad Ischl noch immer ein großes Volksfest ist, mit Kaiserhymne und allem Drum und Dran. Aber genauso wie der junge Kaiser, gelenkt von seinen reaktionären Beratern, ein rückwärtsgewandtes Regime installierte, ist das, was Sebastian Kurz vorhat, in vielen Bereichen ziemlich altvatrisch.

 

Ich war mit einem Freund auf der Rax, dem Berg meiner Kindheitsferien. Natürlich haben wir die Seibahn benutzt, aber oben sind wir dann doch in vergangene Bergerfahrungen eingetaucht. Dank des vielen Regens waren die Bergwiesen so bunt und duftend wie schon lange nicht. Nach dem Geruch der Latschen bin ich ja sowieso süchtig.

 

Meine ersten Kindheitsferien waren auf einem kleinen Alpengast- und Bauernhof auf der steirischen Seite der Rax. Wir fuhren mit der Bahn bis Kapellen und dort wurden wir vom Bauern mit einem Maultier, das unser Gepäck trug, abgeholt und wanderten ca. 2 Stunden auf den in 1.200 m gelegenen Hof. Es war Bergeinsamkeit pur. Mein kleiner Bruder, der kleine Sohn der Wirtsfamilie und ich waren die einzigen Kinder. Die Tage waren erfüllt mit Heidelbeerbrocken, Schwammerlsuchen und die Kühe auf der etwas höher gelegenen Alm besuchen. Manchmal stiegen wir auch auf die Rax, aber nur so weit, dass es für uns Flachländerinnen nicht gefährlich war. Am Abend musste man schauen, dass man sich nicht auf dem Weg aufhielt, auf dem die Kühe nachdem sie der Bauer gerufen hatte, ganz allein in wildem Tempo zum Hof trampelten, das war nicht ganz ungefährlich. Sie kamen aber nur so schnell und pünktlich, weil sie wussten, dass sie vom Bauern bevor sie in den Stall gingen, ihr Salz zu lecken bekamen.

 

Nachtisch war fast jeden Tag selbstgepflückte Heidelbeeren mit Schlagobers – ein unvergleichlicher Genuss. Unvergesslich ebenfalls die Morgen, wo bei uns heroben schon die Sonne schien und unten im Tal noch der Nebel hing.

 

Vor ein paar Jahren haben wir den Moassa-Hof, so hieß unser Quartier, noch einmal besucht. Jetzt führt ein Sträßchen dorthin und eine nichtssagende Jausenstation wurde dem wunderschönen alten Holzhaus mit seiner prächtigen Veranda für Regentage hinzugefügt. Ich hatte das Haus allerdings, wie es immer mit Begegnungen aus der Kindheit ist, viel größer in Erinnerung. Der nicht mehr junge Wirt war unser Spielkollege von damals. Er erinnerte sich allerdings nicht an mich, sondern nur an meinen Bruder. Mir sind aber diese frühen Kindheitssommer noch ganz gegenwärtig. Welche Erinnerungen werden alle, die jetzt Kind sind, an diesen Corona-Sommer haben? Vielleicht an Ferien, die ganz anders sind, aber auch unvergesslich?  

 

Die Dose gibt’s, die Dose nimmt‘s, so bezeichnen Leute die sich auskennen das Agieren von Didi Mateschitz als Mäzen. Jetzt hat er halt wiederum genommen, nämlich die Online-Plattform Addendum aus dem Verkehr. Dort wurde intensiv und sehr eigenwillig recherchiert, das gefällt dem Herrn der Dose garnicht. Aufgeblattelt soll wahrscheinlich aus seiner Sicht nur werden, wer sich dem freien Unternehmertum in den Weg stellt und ganz nebenbei soll, siehe Servus-TV, dafür gesorgt werden, dass rechts-rechtes Gedankengut noch mehr unter die Leute kommt. Außerdem kann man online die Dose nicht so breitenwirksam platzieren, wie es der Marketing Guru Didi gern hätte. Es ist dramatisch, dass weltweit Sport, Kultur und zunehmend auch die Politik von Oligarchen abhängig wird, die die Welt nach ihrem Ebenbild gestalten wollen. Corona wird bewirken, dass weltweit die Geschäfte des Herrn Mateschitz und auch die des Novomatic-Grafen noch mehr florieren werden, denn irgendwie muss man sich doch aufputschen und sich die Welt schönspielen und schöndopen, wenn sonst vieles den Bach runtergeht.

 

Dass Anstand kein Auswahlkriterium für Spitzenmanager ist, wurde uns ja schon häufig vorgeführt, dass aber auch der Verstand dort eine ziemlich untergeordnete Rolle zu spielen scheint, hat uns das AUA-Management nun bewiesen.Trotz Millionen-Staatsspritze, die sie zum Überleben brauchten, haben sie sich und 200 führenden Angestellten die Boni für 2019 auszahlen lassen. Es ist also so, dass wir mit unserem Steuergeld die „erfolgsabhängigen Sonderzahlungen“ dieser – vorwiegend - Herren bezahlen. Was haben sie sich dabei gedacht? Wenig, denn die Wahrnehmung was Recht ist und was einem zusteht, ist durch die Abgehobenheit in vielen Chefetagen seit Jahrzehnten so vernebelt, dass sie jeden Realitätsbezug vermissen lassen. Die vier Vorstandsherren haben ihre Boni nun auf Druck „zurückgestellt“ was immer das heißen mag. Das tragische ist allerdings, dass sie nicht die einzigen sind. Wie man hört, haben viele Konzerne trotz staatlicher Kurzarbeit ihrem Management Boni ausbezahlt. Interessant ist auch, wie der spärliche Gewinn der AUA 2019, auf den sie ihre Bonus-Forderungen stützen, zustande kam, nämlich durch Personalkürzungen.

 

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, da zahlen sich Vorstände Boni aus, die ohne Staatshilfen jetzt arbeitslos wären und keine Aussicht auf einen neuen Job hätten, gleichzeitig ist klar, dass sie diesen Job nur behalten, wenn sie viele andere durch Einsparungen um ihren Arbeitsplatz bringen. Und das ganze spielt sich in einem Unternehmen ab, das in der Form nie zukunftsfähig war und es Zeiten von Corona und Klimakrise es auch nie wieder sein wird. Ein wirklich in nachhaltigen Kategorien denkendes Management würde vielleicht Kooperationen mit anderen Transportbetrieben, wie z.B. der Bahn eingehen, um Arbeitsplätze langfristig zu sichern, statt von irreale Luftschlössern zu träumen. Denn fliegen ist eine Transportmöglichkeit, die unverzichtbar, aber in vielen Bereichen auch ersetzbar ist. Übrigens denke ich, dass Flugbegleiterinnen mit ihrer Kompetenz und ihrer Erfahrung im Service unter erschwerten Bedingungen für Mangelberufe im Bildungsbereich, in Betreuung und Pflege, die idealen Voraussetzungen hätten.

 

Trotz aller Widrigkeiten und Belastungen bin ich enorm privilegiert. Meine Enkeltochter fährt mit mir drei Tage nach St. Wolfgang, ich bin umgeben von Bergen, See und Jugend. An solch wunderbaren Tagen muss ich oft an jene alten Menschen denken, die in kleinen Wohnungen, mit wenig Bewegungsspielraum, körperlich und mental eingeschränkt und ohne Aussicht auf bessere Tage, ihren „Lebensabend“ verbringen. Ihnen müsste, ebenso wie den benachteiligten Kindern, unsere ganze Fürsorge gelten, wenn wir den Anspruch haben, eine zivilisierte Gesellschaft zu sein.

 

Auch das Konzerthaus hat sein Programm aufgenommen. Ich war beim Abschiedskonzert von Philipp Jordan für die Wiener Symphoniker. Das vorwiegend zur Risikogruppe gehörende Publikum war locker im Saal verteilt, dennoch war eine so dichte Atmosphäre – es haben sichtlich alle dieses Konzert besonders genossen, wohl wissend, dass so etwas durchaus nicht selbstverständlich, sondern ein ganz besonderes Privileg ist. Es ist ein Privileg in einer Stadt wie Wien zu leben, wo es solche Konzertsäle und solche Orchester gibt, es ist ein Privileg, die finanziellen Mittel zu haben, um sich dort Eintritt verschaffen zu können und es ist ein Privileg in Corona-Zeiten so umsichtige Organisatorinnen zu haben, die einen solchen Genuss ermöglichen.

 

Die Meinung dass Sportler nur an ihrer eigenen Karriere und ihrem eigenen Geld interessiert sind, muss revidiert werden. David Alaba trug nach dem Champions League Sieg von Bayern München ein Leiberl, bei dem auf der Vorderseite stand: „Meine Kraft ist Jesus“ und auf der Rückseite „Black Lives still matter“. Mehr persönliches und politisches Bekenntnis geht nicht. Auch dass in den USA Sportler streiken und Spiele abgesagt werden müssen, weil die Spieler ein Zeichen gegen die Gewalt an Schwarzen setzen, ist beachtlich. Riskieren diese Sportler doch ihre Jobs und ihren Status.

 

Der 5. Jahrestag der Auffindung des LKWs mit 71 toten Flüchtlingen in Parndorf, was gleichzeitig der Beginn der Flüchtlingswanderungen über unsere Grenze war, sollte zu einer Reflexion anregen, was seither mit unserer Gesellschaft passiert ist. Damals eine enorme Hilfsbereitschaft in allen Bevölkerungsschichten, bis hinein zu den Wählerinnen der FPÖ, heute eine breite Ablehnung jeglicher Migration. Sogar die Aufnahme Minderjähriger aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria wird von der Mehrheit der Bürger abgelehnt. Das ist das Ergebnis verantwortungsloser medialer Indoktrination am Boulevard und vordergründiger politischer Kleingeld-Akquirierung im rechten politischen Spektrum. Wem geht es in unserem Land wegen der Flüchtlinge schlechter als vorher? Was unser Leben massiv verändert hat, ist die Corona-Pandämie, die wurde allerdings nicht von Flüchtlingen in die Welt getragen, sondern von Geschäfts- und Urlaubsreisenden.

 

Langsam geht dieser denkwürdige Sommer zu Ende. Er war gnädig mit uns, die extremen Hitzewellen sind hier ausgeblieben – weltweit schaut es allerdings ganz anders aus. Im Garten verabschiedet der Hibiskus die sommerliche Üppigkeit. Die Paradeiser leuchten rot in dem ungepflegten Wirrwarr ihrer Triebe und die Grillen zirpen und erinnern an südländische Nächte. Bald wird das Leben im Freien nicht mehr möglich sein. Noch nie war die Erwartung der kühlen Jahreszeiten für mich mit soviel Sorge und sommerlichem Abschiedsschmerz verbunden. Aber auch mit Dankbarkeit für die neue Achtsamkeit für alles, das uns umgibt, die ich in diesen Zeiten der Beschränkung lernen durfte. Leben ist wirklich ein nie endender Lernprozess, zumeist aufgezwungen, aber am Ende immer bereichernd.    

Traude
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