Traude Novy

12. Aug 2020

Après Corona 4

von Traude Novy am 12. August 2020, 08:46 Uhr

30. Juli – 10. August

 

Manchmal denke ich mir, dass die Geschichtsschreibenden in 100 Jahren das Jahr 2020 als ein Wendejahr bezeichnen werden. Das Virus wird unsere bisherige Lebensweise auf lange Sicht verändern. Die unbeschwerten Reisen, die distanzlosen Begegnungen, das lockere Geld ausgeben sind vorbei.

Konzerte, Theater, Museums- und Restaurantbesuche, Sportveranstaltungen, alles das, was Lebenslust vermittelt, steht unter dem Vorbehalt des Schutzes vor dem Virus. Andererseits war das alles ja nur für eine verschwindende Minderheit der Menschen auf dieser Welt eine Option, die meisten Bewohner unserer Erde beziehen ihre Lebensfreude aus Quellen, die nicht mit Geld bezahlt werden müssen, ganz einfach, weil sie eben kein Geld haben. Schön wäre es, wenn es auch bei uns ein freiwilliges Umdenken und einen neuen Blick auf andere Lebensmöglichkeiten gäbe, aber ich fürchte, die vielfältigen Krisen wecken nicht unsere guten solidarischen Kräfte, sondern stärken den egoistischen Individualismus, das wurde ja Jahrzehnte lang öffentlich gefördert und uns eintrainiert.

 

Für mich und meinen Mann hat sich auch ohne Covid19 der Radius unserer Lebensmöglichkeiten sehr verengt. Wir erleben, wie unser großer Freundeskreis ganz rapide schrumpft. Deshalb bin ich ganz besonders froh darüber, dass Fawad uns täglich seine jugendliche Fröhlichkeit ins Haus bringt. Ich frage mich immer wieder, wie jemand, der schon als Kind Krieg und den Verlust der Eltern erleben musste, der fürchterliche Dinge mitangesehen hat und eine dramatische Fluchtgeschichte mit sich herumträgt, soviel positive Energie ausstrahlen kann, dass auch für uns noch was davon abfällt. Möglicherweise ist sein Glaube eine Quelle, die ihn speist.

 

Zu den Ereignissen, die zumindest hier bei uns das Jahr 2020 nicht so leicht vergessen lassen werden, gehören die unvorstellbaren Betrugsgeschichten von Wirecard und Commerzialbank Mattersburg. Soviel so lange Zeit unentdeckte kriminelle Energie und immer das gleiche Muster. Charismatische Persönlichkeiten, die Einfluss in den höchsten Zirkeln von Politik und Gesellschaft bekommen, ein „Card“-enhaus, das an der Börse einen höheren Wert hatte, als die Deutsche Bank. Das alles wirft ein bedenkliches Licht auf die politischen und wirtschaftlichen Führungspersönlichkeiten. Und vor allem auf die Menschen an den Börsen, die ja den Aufstieg der obskursten Persönlichkeiten immer mit einem Kursfeuerwerk feiern – siehe Trump. Die jüngst wieder von Andreas Treichl geforderte Finanzbildung der kleinen Leute kann da nichts helfen, denn die sicher „finanzgebildeten“ Manager großer Unternehmungen haben ihr Geld wegen der etwas höheren Zinsen bei diesem Banktschocherl im Burgenland deponiert, ohne viel darüber nachzudenken, wieso dort höhere Zinsen bezahlt werden konnten. Also braucht es was anderes als eine von Gier getriebene „Finanzbildung“. Vielleicht wäre eine umfassende Allgemeinbildung und eine finanzmarktkritische ökonomische Wissensvermittlung hilfreicher.

  

Wenigstens einer wurde durch die Affäre der Bank Mattersburg ausgebremst – der Landeshauptmann des Burgenlands, der sich bis dahin ja als der Retter der Sozialdemokratie aufspielte. Dieses egomanische Agieren eines Alphamännchens, der in seinen Genossen nur die niedrigsten Instinkte anspricht, zerstört noch die letzten Reste einer einst staatstragenden Partei. Interessant war es zu lesen, was seine Gefolgsleute in den Medien publizierten.  Sie genierten sich nicht zu schreiben, dass es bei der Sozialdemokratie nicht um Werte, sondern um Interessen geht. Der primitive Hass auf die „Intellektuellen“, der aus ihren Kommentaren spricht, unterstellt diesen, nur in ihren Bobo-Zirkeln zu palavern und nichts für die Leute zu tun. Diese unhistorisch denkenden Experten übersehen, dass es in der Geschichte immer die Intellektuellen waren, die in der Sozialdemokratie etwa bewegt haben, von Viktor Adler bis Bruno Kreisky. Und dass Intellektualität oft mit Empathie für die Benachteiligten und mit Tatkraft verbunden ist, dafür gibt es unzählige Zeugnisse in dieser Partei. Sie konnte nur so mächtig werden, weil sich Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler zu ihr bekannt haben. Das Stück des Weges miteinander zu gehen, hat einen nationalen Konsens ermöglicht, der Österreich zu einem wohlhabenden und kulturell aufgeschlossenen Land gemacht hat.

 

Das was Doskozil und Konsorten wollen, ist aber ganz etwas anderes, sie wollen die dunkle Seite der Sozialdemokratie ans Licht heben. Denn natürlich waren Teile der Gefolgschaft auch immer von individuellen egoistischen Interessen geleitet. Die Partei vermittelte für Parteimitgliedschaft Jobs, Ausbildung, Wohnungen, Pfründe. Der Niedergang der SPÖ hat auch damit zu tun, dass sie jetzt nichts mehr an ihre „Parteigänger“ zu verteilen hat. Die, die gewohnt waren, dass die Partei was für sie tut, die aber nicht das geringste Interesse hatten, für die Solidargemeinschaft selbst was zu tun, haben sie verlassen und sich dem rechten Rand zugewandt. Eine Interessens-Politik wie Doskozil und Konsorten sie wollen, richtet sich nach diesen unreflektierten nicht auf Solidarität, sondern auf reinem Eigennutz fußenden Wünschen. Keine Spur von Volksbildung, für die die SPÖ mal stand, keine Gemeinschaftserfahrungen durch Engagement für andere, auch für Menschen in armen Ländern, keine gemeinsamen kulturellen und sportlichen Erlebnisse, sondern einzig mehr individuelles Einkommen ist das Programm. Natürlich ist das angesichts der Ungleichheit im Land auch ein wichtiges Ziel, aber nicht das einzige und vor allem wird dadurch die Verteilungsfrage nicht wirklich in Angriff genommen. Die Ablehnung der Arbeitszeitverkürzung, die die Frauenfalle Teilzeitarbeit beseitigen könnte und eine gerechtere Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit auf Frauen und Männer ermöglichen würde, lehnen sie mit der Begründung ab, das wollen die Leute (Männer?) nicht. Keine Spur davon, dass Politik ja auch die Aufgabe hätte, meinungsbildend zu sein. Darin sind sich diese Genossen mit den Türkisen einig – ein solches Handeln nennt man glaube ich, Populismus.

 

Wenn die Leute um Doskozil Werte gegen Interessen ausspielen und Reflexion gegenüber der Tat diskreditieren, so sollten sie vielleicht bei Joseph Cardijn, dem Begründer der Katholischen ArbeiterInnenjugend in die Schule gehen, der hat schon vor fast einem Jahrhundert die Formel „sehen – urteilen – handeln“ entworfen. Also zuerst ein Problem erkennen, dann es beurteilen und danach Handeln. Unreflektierter Aktionismus á la Doskozil hat noch immer zu falschen Entscheidungen und Kurzschlusshandlungen geführt.

 

Die Hauptstadt der einst gerühmten „Schweiz des Orients“ Beirut ist in die Luft geflogen. Schuld daran dürfte eine jahrelang negierte unsachgemäße Lagerung von gefährlichen Chemikalien sein.  Ein völlig zerrüttetes Gemeinwesen, mit mehr als einer Million Flüchtlingen ist nun völlig kollabiert. Jetzt müsste die EU zeigen, dass sie eine Wertegemeinschaft ist und mit den UNO-Organisationen und NGOs, vorbei an den korrupten Eliten, erste Hilfe leisten und zum Aufbau neuer Strukturen beitragen.  Aber was tut Österreich? Kurz ist die Tragödie keinen politischen Auftritt wert und als Soforthilfe bietet er militärische Unterstützung an, sonst nichts. Die wird natürlich dankend abgelehnt. Aber vielleicht will er es sich mit seinem Freund Netanjahu nicht verscherzen. Das Vorbild des Kanzlers bezüglich Corona-Bekämpfung. Wie sich herausstellt, kann er ja nicht einmal das, wie die aktuell hohen Zahlen von Corona-Fällen in Israel zeigen.

 

Es ist jetzt wirklich Hochsommer geworden, mit allen Anzeichen des Abschieds. Die Grillen haben zu zirpen begonnen, sodass ich mich am Abend wie in einem südlichen Land fühle und vor allem der Vorbote des nahen Herbsts, der Hibiskus beginnt zu blühen.  Die Weintrauben sind fast reif und prall, nicht so verschrumpelt wie in den letzten Jahren – hängt sicher mit dem vielen Regen zusammen. Nur auf die so üppig gesäten Sommerblumen warte ich vergebens, sie haben sich heuer total verweigert und auch im Hochbeet schaut es traurig aus. Die Paradeiser überwuchern alles, keine roten Rüben, keine Gurken, keine Melonen und keine in den letzten Jahren so gut gediehenen Melanzani. Nur ein paar Paprika und Chilli trotzen dem undurchdringlichen Paradeiser-Dschungel. Zu ebener Erd ist es noch trauriger, Himbeeren, Brombeeren, Kiwi, Zuchini haben den Kampf gegen die Wühlmäuse sichtlich verloren und die wenigen Schnecken stürzen sich begeistert auf die Bohnenranken und die von ihnen heißgeliebten Chrysanthemen. Selbstversorgung schaut anders aus.

Allerdings kann sich mein ästhetisch besonders begabter Urenkel nicht an den Passionsblumen sattsehen und wünscht sich für zu Hause auch welche. Seine kleine Schwester wiederum sammelt die Wasserschnecken im Teich und kategorisiert auch sie nach der Schönheit ihrer Häuschen. Das einzige Obst, das wirklich gedeiht, sind die Feigen – ich habe bereits zum ersten Mal im heurigen Jahr Marmelade daraus gemacht.

 

Die Salzburger Festspiele bringen uns ein wenig Kulturgenuss ins Haus, denn die permanente mediale Überschüttung mit, meist auch noch schlechten, Krimis wird schön langsam unerträglich. Welche Strategie es ist, die etwas gelungeneren Produktionen ins Spätabend-Programm zu verräumen erschließt sich mir nicht. Und die penetrante Österreich-Werbung im Hauptabendprogramm findet wahrscheinlich auch nicht die richtige Zielgruppe.

 

Eine unserer Töchter hat einen Abenteuerurlaub der anderen Art gemacht. Sie und ihr Mann haben mittels Paddelboot die Inseln in der Lagune von Venedig erkundet, haben jeweils auf einer anderen übernachtet und sind dann noch mit ihrem Boot durch die Kanäle von Venedig gepaddelt, was, wie sie später erfahren haben, eigentlich nicht erlaubt ist. Dennoch ist es eine nette Vorstellung, dass sich statt Kreuzfahrtschiffen jetzt Paddelboote in der Lagune tummeln. Allerdings werden die Gefahren eines „Alternativurlaubs“ grob unterschätzt. Die Bergrettung hat so viele Einsätze wie sonst nie, weil bergunerfahrene junge Leute die Landschaft als Fitnesscenter missbrauchen und auch die div. Routenratgeber die Gefahren am Berg sträflich herunterspielen. Wenn es dann landschaftsbedingt  auch noch kein GPS gibt, wird es kritisch.

Mein alter Bergkamerad und ich wollen demnächst die Rax in Angriff nehmen – allerdings mit der Seilbahn und auf Abstand.

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