Traude Novy

03. Aug 2020

Après Corona 3

von Traude Novy am 03. August 2020, 09:27 Uhr

19. – 29. Juli

Das ist ein Sommer, den wir uns merken werden. Egal was wir tun, die Bedrohung durch Covid19 ist allgegenwärtig. „Après Corona“ wird noch lange ein Wunschtraum bleiben.

Nur kurzfristig stellt sich bei mir Ferienfeeling ein, wenn es Besuch im Garten gibt, oder wenn ich mit meiner Enkeltochter hoch über der Wiener Stadtbibliothek bei einem schönen Mittagessen plaudern kann. Auch einen Ausflug mit einem Freund auf den Unterberg bei Pernitz habe ich sehr genossen.  Das war die Gegend unserer Sommerfrische als die Kinder klein waren – und es ist wirklich eine bezaubernde Landschaft. Der Ort Pernitz allerdings hat sich massiv verändert – nur unsere „Kondi“, wo wir uns vor 50 Jahren die Regentage versüßten, gibt es in abgewandelter Form immer noch. Am Wolfskogel in Pernitz hatte in den 60er Jahren die Pfarre Währing ein Haus für junge Familien geführt und in der Abgeschiedenheit dieses Kogels im Föhrenwald konnten die Kinder den ganzen Tag unbeaufsichtigt toben. Ein Labsal für die Eltern und unvergessliche Sommer für die Kinder. Das Haus wurde von der tüchtigen Frau Stickler umsichtig geführt, sie war die Schwester des unsäglichen erzkonservativen Kardinals Stickler aus Rom, der dieses Haus dann auch hie und da mit seiner Anwesenheit beehrte. Ein eher unauffälliges Männchen, bei dem man sich nicht vorstellen konnte, dass er in Rom bei festlichen Anlässen im altertümlichen  Ornat mit meterlanger Schleppe aufzutreten pflegte.

Vielleicht beschert uns Corona die Wiederauferstehung dieser Art von Sommerfrischen, mit Lagerfeuern und Geländespielen, Abenden mit Menschen, die man dort jedes Jahr wieder trifft, ein wenig Langeweile und viel Vertrautheit. Den Föhrenduft des Wolfskogels werde ich mein Leben lang nicht aus der Nase kriegen und mit ihm die Erinnerung an eine unwiederbringlich vergangene Zeit.

 

Da uns das Kunstwerk gelang, uns beim Abstieg vom Unterberg zu verirren, waren wir insgesamt 5 Stunden auf den Beinen, für 80jährige dann doch nicht schlecht. Ein wenig traurig ist es allerdings schon, dass dieser Schiberg sichtlich seit Jahren keinen wirklichen Schnee mehr gesehen hat und mit seinen antiquierten Schiliften aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Umso netter war dann der Anblick der schindelverkleideten Schutzhütte, die Bestand hat.

 

Die feministische Weisheit „das Private ist politisch“ beweist sich wieder einmal. St. Wolfgang, unser Pernitz-Nachfolgedomizil ist über Nacht zum Corona-Hotspot mutiert. Es ist schon seltsam, in jeder Zeitung und in allen Nachrichten die Wolfganger Kirche und die vertrauten Gässchen im Zusammenhang mit einem Corona-Cluster zu sehen. Als ich Anfang Juli kurz dort war, hat es mich ja eh verwundert, wie Hochsaison-Tourismus mit den in Oberösterreich vorgeschriebenen strengeren Regeln in Einklang zu bringen war, und dass das kleine Dittelbächlein als Landesgrenze zwischen Oberösterreich und Salzburg auf einmal darüber entschied, ob man Masken tragen sollte, oder nicht. Das Virus hat dieses Bächlein natürlich locker passiert und sich auch im Salzburger Teil niedergelassen. Die jungen Praktikantinnen aus den Tourismusschulen, die jedes Jahr in St. Wolfgang und in ganz Österreich den Betrieb aufrecht erhalten, sind jetzt diejenigen, die den Sommertourismus im Salzkammergut und darüber hinaus zu Fall gebracht haben. Es mag schon auch sehr viel jugendlicher Leichtsinn eine Rolle gespielt haben, aber sicher auch die gemeinsamen engen Quartiere, in denen sie untergebracht sind. Leicht wird es für sie nicht, mit dieser Hypothek im Herbst in die Schulen zurückzukehren.

 

Der Arbeitskreis Entwicklungszusammenarbeit der kfb hat sich bei uns im Garten getroffen. Wir sind alle ein wenig traurig darüber, dass nicht erst seit Corona das Interesse an den Vorgängen in anderen Teilen der Welt zunehmend schwindet. Wenn an der Kirche seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eines bemerkenswert war, dann ihre Stellung als Hort globaler Solidarität. So viele junge Menschen organisierten sich weltweit in Pfarrgruppen, lernten Internationalität durch jahrelange Einsätzen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas durch Begegnungen auf Augenhöhe. Kirchliche Gruppen unterstützten Initiativen wie die Landlosenbewegung in Brasilien, brachten die Befreiungstheologie nach Europa und die Pädagogik eines Paulo Freire bis nach Indien – aber was ist daraus geworden? Es scheint so, als würde mit der kommerziellen Globalisierung und Individualisierung diesen Initiativen die Luft ausgegangen sein. Die breite Bedeutung, die die katholische Kirche als solidarische Weltkirche für kurze Zeit hatte, ist einem Kreisen um den eigenen Kirchturm gewichen, mit dem Ergebnis, dass auch diese Kreise immer dürftiger werden. Das ist sehr traurig und hat viele Ursachen. Hauptverantwortlich ist allerdings eine Kirchenleitung, die es sich in ihrem potemkinschen Dorf eingerichtet hat und die Augen vor der Welt verschließt. Das einzige wozu sie noch Kraft haben, ist das Hinterherhecheln hinter den ach so erfolgreichen Freikirchen. Anscheinend wissen sie nicht, dass hinter deren Erfolgen eine massive finanzielle Förderung durch machtpolitische Kreise der USA steckt, die so in vielen Ländern Gehirnwäsche betrieben und Abhängigkeiten geschaffen haben – Beispiel Brasilien. Da erscheint Papst Franziskus als einsamer Prophet auf verlorenem Posten zu sein. Corona wird sein übriges dazu beitragen, dass es neben der politisch zunehmend praktizierten Kleinstaaterei auch eine Verzwergung der Weltkirche geben wird, hin zu Pfarrverbänden, die wie Sekten, unter der Oberhoheit des Vatikans, sich selbst genügen.

Dennoch, wir wollen ein gallisches Dorf bleiben und miteinander – füreinander entsprechend unseres Mottos „Teilen spendet Zukunft“ unser partnerschaftliches Netzwerk mit Frauengruppen überall auf der Welt aufrecht erhalten und ausbauen – es kommen wieder andere Zeiten! Da trifft es sich gut, dass ich eben Nachricht bekommen habe, dass eine Freundin, die wegen Corona nach Europa zurückkommen musste, wieder zurück zu ihrem entwicklungspolitischen Einsatz nach Uganda geflogen ist – soviel Mut und Beharrlichkeit, das wächst nur auf einer spirituellen Grundlage.

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