Traude Novy

20. Jul 2020

Après Corona 2

von Traude Novy am 20. July 2020, 11:09 Uhr

23./ 24./ 25. Juni

Der Freund meines Mannes, mit dem er schon als kleiner Bub ministriert hat, kam uns auf seinem Elektrorad besuchen. Ich sage immer despektierlich, dass er ein Werbeträger der Medizintechnik ist, weil er sogar einen Defibrillator eingebaut hat, dennoch lässt er sich nicht unterkriegen und träumt davon, nächstes Jahr zum 50 Jährigen Jubiläum seines Dorfbauprogramms nach Indien zu reisen.

Manchmal kann der Wille wirklich Berge versetzen. Es tut gut, diese beiden alten Herren, die einander schon mehr als 70 Jahre kennen und die in ihrer Jugend extrem ehrgeizige Sportler waren, in Erinnerungen schwelgen zu sehen und diese lebenslange Zuneigung zu spüren. Das ist ein wirkliches Geschenk und ein lebender Beweis dafür, wie wichtig Jugendorganisationen, egal welcher Ausrichtung, für das spätere Leben sind.

 

Ich habe jetzt viel Zeit und übe mich darin, mir alles was uns an Gutem und Schönen widerfährt, einzuprägen, denn die Gefahr, im Negativen zu verharren, ist groß.  Aber noch haben wir viele Freunde, die uns immer wieder besuchen kommen und ich versuche ganz bewusst, die Kontakte nicht einschlafen zu lassen, denn das geht in unserem Alter sehr schnell.

 

26./27./ 28. Juni

Für eine Feministin ist es extrem hart, zu sehen, wie der Großteil der Ministerinnenriege agiert. Leider zum Fremdschämen. Da ist die Frauenministerin sichtlich stolz darauf, keine Feministin zu sein, dafür beklagt sie als Integrationsministerin, dass so viele Kinder in Österreich zu Hause nicht Deutsch sprechen. Bis jetzt war für mich Zweisprachigkeit von Kindern immer eine Zusatzqualifikation. Allerdings ist es natürlich wichtig, dass Kinder dort, wo sie Deutsch sprechen, also vorwiegend in Kindergarten und Schule, es auch gut lernen. Deshalb müssen dort mehr Ressourcen hinfließen. Mangelnde Deutschkenntnisse beruhen nicht darauf, dass Kinder eine zweite Sprache beherrschen, sondern darauf, dass auch ihre Eltern nur geringe Möglichkeiten zur Bildung hatten. Die französische Schule war noch nie ein Hindernis für gute Deutschkenntnisse. Mangelnde Integration ist also vorwiegend ein soziales Problem, das man auch als solches behandeln muss. Ministerinnen müssen nicht alles wissen, wenn sie ihr Amt antreten, aber wenigstens ein Interesse an den Themen, für die sie Verantwortung tragen, sollten sie schon haben.

 

Die Verteidigungsministerin wieder hatte sichtlich beim ORF2 Interview nichts anderes zu sagen, als die zwei Sätze, die ihr ihre Spindoktoren aus der türkisen Buberlpartie eingebleut haben. Das nahm dann schon kabarettreife Formen an. Noch dazu trägt sie das alles in einem militärischen Stakkato vor, das auch den Ohren weh tut.

 

Ich kann es nicht glauben, dass es in der ÖVP nicht fähige, eigenständig denkende Frauen gibt, aber die sind sichtlich nicht nach dem Geschmack der Message-Controller.

Ganz nebenbei wird der Untersuchungsausschuss über die Käuflichkeit der türkis-blauen Regierung von oberster Stelle lächerlich gemacht, indem sich die Herren an nichts erinnern können. Sind eigentlich Männer mit juvenilen Alzheimererscheinungen befähigt, unser Land zu regieren? Darf der Chef eines Vereins, der von Beschuldigten Spenden bekommen hat, diesem Ausschuss vorsitzen? Der „Oasch-Sager“ von Stephanie Krisper trägt auch nicht dazu bei, dass das Gremium ernst genommen wird. Ich habe aber wieder dazu gelernt, dass höchst kultivierte Frauen auch die Fäkalsprache beherrschen, sie sind sozusagen auf besondere Weise mehrsprachig.

 

29. Juni

Heute habe ich festgestellt, dass wir eigentlich in einer mehrsprachigen, Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft leben. Beim Mittagessen war nicht nur Barbara, sondern auch Fawad da, weil er Urlaub hat, also waren Polin, Ungarin, Afghane und wir zwei Alteingesessene um den Mittagstisch versammelt. Wir haben uns jede in ihrer Sprache einen guten Appetit gewünscht. Es tut uns allen gut, unseren Horizont zu erweitern.

 

Die Krawalle von jungen Türken in Favoriten sind sehr beunruhigend, weil sie eine leicht zu entflammende Gewaltbereitschaft zeigen und dass die Indoktrination mit rechtsextremem Gedankengut gut funktioniert. Ich finde es sehr traurig, dass viele Enkelkinder jener armen anatolischen Bauernfamilien, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Österreich gekommen sind, den Anschluss an unsere Gesellschaft nicht geschafft haben. Sie beziehen ihr Selbstwertgefühl aus einer Verbundenheit mit einem in einer rückwärtsgewandten Ideologie gefangenen Land, das nie ihre wirkliche Heimat war. Aber wenn wir ehrlich sind, so sehen wir sie zumeist ja auch als Türken und nicht als Österreicher, die schon in der 3. Generation hier beheimatet sind und das spüren sie natürlich. Mangelnde Integration gibt es eben auf beiden Seiten.

 

Untergegangen ist bei den Berichten über diese Gewaltexzesse, dass es ursprünglich eine von kurdischen Frauen angemeldete Demonstration war, die sich gegen Frauenmorde im Kurdengebiet wandte. Die jungen verhetzten Türken haben sich davon provoziert gefühlt. Bei uns kommt das alles so rüber, als würden da ausländische Stammeskriege in Favoriten ausgetragen. Die FPÖ und schändlicherweise der Bundeskanzler tun ihr übriges, indem sie das Ganze so darstellen, als wäre das ein Problem von Migranten und nicht von verhetzten österreichischen Staatsbürgern, deren Großeltern bei uns einwanderten, weil wir sie als Arbeitskräfte gebraucht haben. Dazu sind ganz andere Problemlösungen nötig, als für die Aufnahme minderjähriger Flüchtlingen von den griechischen Inseln. Die ließe sich nämlich ziemlich einfach bewerkstelligen, weil sich kompetente Stellen schon dafür gemeldet haben.

 

30. Juni

Dies ist der verrückteste Sommer seit langem. Das Wetter wechselt jeden Tag und innerhalb des Tages. Kalt-warm, Monsunregen – Sonnenschein. Da ist der Klimawandel aus dem Blick gekommen. Wo ist eigentlich Greta Thunberg? Es ist für eine junge Frau wahrscheinlich sehr schwer, mit dem manisch-depressiven Medieninteresse fertig zu werden, zuerst auf Schritt und Tritt verfolgt und dann sichtlich wieder vergessen.

 

Es ärgert mich, dass derzeit jene Menschen, die im Zuge der Corona Krise arbeitslos geworden sind, als Personen, „die an ihrer Arbeitslosigkeit nicht selbst schuld sind“, bezeichnet werden, so als ob sonst Arbeitslose an ihrem Schicksal schuld trügen.

 

1. 2. 3. Juli

Schichtwechsel der Betreuerinnen – jetzt ist schon eine Altbekannte wieder bei uns eingezogen. Susanna hat gleich das Regiment übernommen und ich merke, dass ich mir schon nach wenigen Wochen Unterstützung nicht mehr vorstellen kann, wie ich das früher alles geschafft habe.

 

Vorstandssitzung des Vereins Joan Robinson bei uns im Garten – im Freien mit Abstand, das geht wunderbar, aber was werden wir im Herbst machen, wenn die Infektionen am ersten Blick nicht zu unterscheiden sind? Jeder Schnupfen wird dann Angst bei den Betroffenen und ihrer Umgebung auslösen. Das Leben wird noch lange nicht mehr so sein, wie es einmal war. Unsere Bussi-Bussi-Gesellschaft gewöhnt sich an die prüden Umgangsformen des 19. Jahrhunderts – das macht auch was mit unserer Sicht auf die Welt.

 

Der Todestrieb der Verantwortlichen der katholischen Kirche funktioniert ungebremst. Die Bischofskonferenz hat beschlossen, die Katholische Sozialakademie Österreichs (KSOe) einem „Relaunch“ zu unterziehen. Heißt auf gut Deutsch, sie wird abgewickelt und statt ihr wahrscheinlich ein der türkisen Regierung genehmes Institut installiert.

 

Die KSOe ist seit ihrer Gründung eine Institution, die die Verbreitung der christlichen Kernbotschaft ernst genommen hat. Fußend auf dem Werk des Doyens der christlichen Soziallehre Oswald von Nell-Breuning, haben Pater Johannes Schasching, Pater Alois Riedelsperger, Lieselotte Wohlgenannt und deren Nachfolgerinnen die österreichische Sozialpolitik entscheidend mitgestaltet. Unzählige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens haben dort ihre prägenden Erfahrungen gemacht und ihre sozialpolitische Bildung durch die Kurse  der KSOe erlangt. Besonders der Angebote für Frauen in Kirche, Gesellschaft und Wirtschaft waren für viele ein Aha-Erlebnis. Aber eines ist auch klar, Pater Nell-Breuning, der Doyen der christlichen Soziallehre,  kam nicht umhin festzustellen: „Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx“ und diese Erkenntnis war und ist vielen Reaktionären in Kirche und Gesellschaft ein Dorn im Auge.

 

Ich kenne das alles leider zu genau, war ich doch bei der Abwicklung des Afro-Asiatischen Instituts unmittelbar beteiligt. Dieses war den Bischöfen auch zu liberal und sollte in ein rein religiöses Institut umgewandelt werden, mit dem Ergebnis, dass es nach einigen Jahren zugesperrt wurde. In Zeiten der Migrationsproblematik eine Wahnsinnstat.

 

Ich denke, wir Christinnen und Christen sollten uns dessen bewusst sein, dass die Bischöfe ihre wirtschaftliche Macht durch unsere Kirchenbeiträge nur von uns geliehen haben und mit unserem Geld nicht fuhrwerken können, wie es ihnen gutdünkt. Ich hätte große Lust, einen Kirchenbeitragsstreik zu initiieren.

 

4. Juli

Amerikanischer Unabhängigkeitstag. Was ist von der größten Demokratie geblieben? Abgesehen davon, dass es von Anbeginn nur eine Demokratie der Weißen war, die auf der Ausbeutung ihrer Sklaven fußte.

Ich denke viel darüber nach, wieso weltweit das primitive Schwarz-Weiß und Freund-Feind Denken die Oberhand gewinnt. Ich glaube, teilweise ist es auch einer physischen und psychischen Überforderung geschuldet. Die meisten Menschen sind wahrscheinlich der Pluralität und Fülle von Informationen und Eindrücken nicht gewachsen, die ständig auf uns einprasseln. Wir haben alle nicht gelernt, auszusortieren, die Digitalisierung überfordert viele. Der Rückzug in einfache Erklärungsmuster erscheint da als einzige Überlebensstrategie.

 

5. 6. 7. Juli

Ferienbeginn in Corona-Zeiten. Eine Enkeltochter leitet ein Ferienlager, in Zeiten wie diesen eine besondere Herausforderung, aber eine enorme Entlastung für berufstätige Eltern. Das Abwägen, was geht und was geht nicht, wird uns noch sehr lange begleiten. Ich merke schon jetzt, dass ich bei Filmen im Fernsehen unwillkürlich denke „Wieso kommen sich die so nahe?“ Andererseits fürchte ich mich davor, dass wegen der zunehmenden Infektionszahlen, die Verhaltensregel  wieder verschärft werden.

 

Es ist schon eigentümlich, wo die Cluster für Neuinfektionen entstehen. Dass Schlachtbetriebe Orte der Verbreitung sind, kann man sich gut vorstellen, auch dass christliche Pfingstgemeinden, mit ihren euphorischen körperlichen Ausdrucksweisen und Gesängen anfällig für die Weitergabe des Virus sein können – aber Rotariertreffen als Covid-Schleuder verwundern mich schon sehr, wo dort doch zumindest in meiner Vorstellung sehr distinguierte und distanzierte Umgangsformen herrschen. Das Virus ist eben wie das meiste im Leben unberechenbar.

Traude
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