Traude Novy

25. Jun 2020

Après Corona

von am 25. June 2020, 09:19 Uhr

9.6.

Die Flüge der Gastkinder meiner Tochter aus den USA und Mexico für Juli sind storniert. Wir werden sehen, wann sie wieder in ihre Heimat dürfen. Jetzt erfahren Bewohner der nördlichen Hemisphäre, was für viele Menschen aus dem globalen Süden Alltag ist - nach Hause fahren ist nicht möglich. Aber natürlich ist der Druck der Tourismusbranche groß, also werden jetzt die Grenzen zu den Nachbarländern geöffnet. Barbara aus Polen allerdings darf noch immer nicht nach Hause.

Manchmal ist unsere Welt aber doch wieder sehr klein, der Freund meiner Enkeltochter, der nun schon ein halbes Jahr bei ihnen wohnt, stammt aus Minneapolis und wohnt dort genau neben der Polizeistation, wo die Mörder von George Floyd stationiert waren und die angezündet wurde. Im österreichischen Fernsehen wurde außerdem ein Schulkollege von ihm bei den Protesten vor Ort interviewt. Der Bürgermeister von Minneapolis war „Kopf des Tages“ im Standard, weil er die Polizei auflösen und neu aufstellen möchte. So ist dieser Ort in den USA von dem wir davor nichts wussten, für uns nicht nur medial präsent, sondern auch persönlich näher gerückt.

 

10. bis 14. 6.

Betreuerinnenwechsel, die neue Frau ist eine Ungarin, Elisabeth. Ich finde sie sehr nett und kompetent, aber für Gerhard ist das alles gewöhnungsbedürftig. Die Gespräche mit den Frauen sind immer sehr erhellend. Bis jetzt hatten alle Hilfskräfte aus den ehemaligen kommunistischen Staaten ein gemeinsames Feindbild „die Zigeuner“ und „die Bettler“. Auf meine Frage, wie es denn früher war, ob da auch so viele Probleme mit diesen Personen gab, sagten sie, dass in der kommunistischen Zeit alle Arbeit hatten und diese Personen deshalb kein Problem waren. Aufschlussreich! Elisabeth mag Orban nicht, das einzige Gute an ihm ist für sie, dass er keine Flüchtlinge hereingelassen hat – ebenfalls aufschlussreich. Da werden Feindbilder konstruiert, um die wirklichen Verursacher der Zustände ungeschoren lassen zu können, denn das Auseinanderdriften der Gesellschaften ist in den ehemaligen „Ostblockstaaten“ noch viel größer als bei uns.

 

Übrigens habe ich gelesen, dass die Milliardäre in den USA während der Corona-Krise um 565 Millionen $ reicher geworden sind. Aber auch bei uns werden Dividenden ausgezahlt, obwohl die Firmen staatliche Unterstützung bekommen. Dass Konzerne, die ihr Geld in Steueroasen parken, nichts bekommen, ist auch ein Schmäh, weil da die EU-internen Steueroasen wie Irland, Zypern, Malta, Holland usw. nicht gezählt werden und dorthin wird das meiste Geld aus EU-Staaten verschoben. ATX-Unternehmen haben ca. 100 Beteiligungen in solchen Steueroasen. Dass KTM-Pierer, von der Abschleicherliste gestrichen wurde, obwohl er sich 26 Millionen Euro privates Geld aus Liechtenstein zurückgeholt hat, ist entlarvend. 26 Millionen privates Geld, allein in Liechtenstein – da soll mir niemand mehr sagen, Vermögenssteuer trifft nur Firmenvermögen und rechnet sich nicht.

 

15.6.

Nach dem viel zu trockenen Winter und Frühjahr kann es jetzt nicht mehr aufhören zu regnen. Deprimiert ein wenig, obwohl im Garten alles wuchert wie in den Tropen. Ich weiß nicht, ob es so ist, oder ein Altersphänomen, aber ich habe das Gefühl, dass alles immer schneller verblüht und jeder Abschied von den Blüten eines Buschs oder den verblühenden Pfingstrosen und Rosen macht mich traurig. Den Kampf mit den Schnecken um die Erdbeeren habe ich heuer allerdings großteils gewonnen.

 

Ab heute braucht man beim Einkaufen keine Maske mehr, das ist eine wirkliche Erleichterung, denn ich bekam zunehmend Atembeschwerden davon und außerdem liefen mir ständig die Brillen an und ich konnte nicht einmal die Preise ordentlich lesen. Da ich ja kaum mit Menschen zusammenkomme, bin ich ja auch keine wirkliche „Gefährderin“ und Masken helfen nur dabei, niemanden anderen anzustecken.

 

Dass die Grünen in Tirol den „Luder“-Sager weggesteckt haben, ist irritierend. Es geht ja nicht nur um diese Beschimpfung, sondern um eine ethische Grundhaltung. Wenn einem so etwas aus Ärger über eine selbstbewusste Frau, die sich nicht einschüchtern lässt, spontan über die Lippen kommt, dann sagt das viel über das Selbstverständnis und das Frauenbild dieses Menschen. Mir scheint so jemand als „Volksvertreter“ ungeeignet zu sein. 

 

16.6.  

Heute habe ich mit einer Freundin einen Ausflug auf den Bisamberg gemacht. Sie hat mir Gegenden gezeigt, die ich noch nie gesehen habe, obwohl ich seit 20 Jahren hier wohne. Am östlichen Ausläufer des Bisambergs sieht man Lilien und Orchideen und eine Vielfalt von Pflanzen, die es angeblich nur dort gibt. Ich denke, dass die Reisebeschränkungen durch Corona bewirken werden, dass wir wieder anders auf unsere Umgebung schauen und wir bis jetzt unbeachtete Schätze kennenlernen.

 

17.6.

Die Regierung war in Klausur und hat ihr Füllhorn weiter ausgeschüttet. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob über die Richtigen. Obwohl ich aus einer Bauernfamilie komme, halte ich die Erhöhung nur der Bauernpensionen für ein schlechtes Signal, wenn Arbeitslose mit Almosen abgespeist werden. Eine allgemeine Mehrwertsteuersenkung würde mehr bringen, als die jetzt vereinbarte selektive, weil damit einkommensschwache Menschen, die ihr Geld meist sofort wieder ausgeben müssen, profitieren und der „Konsum“ angeregt würde. Jetzt kommt das meiste dem Mittelstand zugute und dort wird sinnvollerweise beim Konsumieren auf die Bremse gestiegen.

 

Dass Amazon bei der Förderung des Buchhandels am meisten profitiert, zeigt ja die Schieflage im Handel deutlich auf. Die Post kommt nicht nach, weil so viele Online-Käufe ausgeliefert werden müssen. Vor allem die Retournierung der dann doch nicht gekauften Waren überfordert sie. Wenn man sich vorstellt, dass die meisten dieser zurückgeschickten Dinge entsorgt werden, ist klar, dass Online-Handel eine enorme Umweltbelastung ist und strengere Auflagen braucht.

 

Der Wiener Wahlkampf wird noch schmutzig. Es sieht so aus, als ob die Bezirkskapos der sogenannten Flächenbezirke eine Neuauflage von Rot-Grün unbedingt verhindern wollen. Es ist tragisch, dass Vertreter der Sozialdemokratie sich als Retro- und Autolobbyisten erweisen. Dagegen scheint eine gute Zeit gekommen, um die Wiener Innenstadt großteils autofrei zu machen. Der Burgenländer Doskozil will angeblich gegen das 1-2-3-Bahnticket klagen, weil dadurch die Burgenländer und Burgenländerinnen benachteiligt sind. Solange alle nur auf die möglichen kurzfristigen eigenen kleinen Nachteile schauen, wird aus einer großen Wende zu mehr Nachhaltigkeit, wovon ja letztendlich alle profitieren, nichts werden. Jahrelang wurde uns ja eingeredet, dass die egoistische Selbstoptimierung der Schlüssel zum guten Leben ist, aber schön langsam müssten auch die hartnäckigsten Vertreter dieser Lehre erkennen, dass das Produkt ihrer Ideologie die Machtergreifung von Typen wie Trump, Bolsonaro und Konsorten ist.

 

18., 19., 20.6.

Wir sind jetzt eine internationale Wohngemeinschaft. Elisabeth hat sich mit Fawad angefreundet und muss wahrscheinlich ihre Vorurteile gegenüber Flüchtlingen revidieren, ohne dass man viel darüber reden muss. Ich so froh darüber, dass Elisabeth nachts meinen Mann versorgt – für ihn ist das natürlich eine schwierige Umstellung. Ich wundere mich darüber, wie leicht es mir fällt, Verantwortung abzugeben. Aber es ist jetzt so, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss, was wäre, wenn auch ich krank würde. Und das ist sehr entlastend.

Ich habe jetzt wieder mehr Zeit, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir neben meiner Familie auch am Herzen liegen. Ich lasse es mir nicht ausreden, dass wir alle die Aufgabe haben, an der Gestaltung der Welt mitzuwirken, jede an dem Ort an dem sie steht. Da tut es gut, dass die Bischöfe in ihrer Konferenz ein deutliches Zeichen gegen verbale Gewalt gesetzt haben und den unsäglichen Sager von Hofer: “Der Koran ist gefährlicher als Corona“ scharf zurückgewiesen haben. Außerdem haben sie sich, wie viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auch, für die Aufnahme von minderjährigen Flüchtlingen aus den griechischen Lagern eingesetzt.

 

21.6.

Familienfest bei strömendem Regen. Statt zu grillen hat Fawad uns afghanisch bekocht. Es war unser privates „Habibi und Hawara“. Es gab Veganes, aber auch Fleisch vom türkischen Fleischhauer. Ich weiß ja nicht, ob es wirklich seriöser ist, dort einzukaufen, aber wenigstens wird das Fleisch dort noch selbst verarbeitet und es sind keine plastikverschweißten Teile aus Fleischfabriken. Ich hoffe, dass es in der Fleischindustrie bei uns aber dennoch nicht so zugeht wie in Deutschland, wo sich mehr als 1.000 Arbeiter in einer solchen Fabrik mit Corona angesteckt haben. Da müsste doch den letzten Billigfleischessern der Appetit vergangen sein. Der Umgang mit den Tieren für unsere Ernährung und mit Menschen die dort arbeiten, widerspricht allen humanen und ethischen Kriterien. Es ist ein Armutszeugnis für unsere Zivilisation. Die Krise deckt auf, was viele von uns vorher nicht sehen wollten. Unsere so kultiviert erscheinende Lebensweise beruht auf der Ausbeutung von Natur und Menschen. Der Weltmarkt, aber auch der lokale Warenverkehr sind zu Orten verkommen, wo nur das primitive Recht der Stärkeren gilt. Da hätte die EU viel zu tun, dem herrschenden brutalen Wettbewerb Einhalt zu gebieten. Die vielen hochqualifizerten Experten dort, müssten doch in der Lage sein, Kriterien für einen fairen Austausch zu entwickeln, wo Umwelt, Tierschutz und Arbeitsbedingungen den ihnen zugehörigen Stellenwert bekommen.

 

22.6.

Ich habe heute das Klima-Volksbegehren unterschrieben und hoffe sehr, dass es nicht auch ein Opfer der Pandemie wird. Im Amtsgebäude musste ich wieder die Maske aufsetzen. Es ärgert mich, wenn im Fernsehen Experten darüber sprechen, dass Masken zu tragen, doch kein Problem sei und wir sie nach wie vor in allen öffentlichen Räumen tragen sollten. Das können nur relativ junge und gesunde Leute sagen, denn die Masken sind bei  Kurzatmigkeit und Augenproblemen eine ziemliche Belastung, die dazu führt, dass ältere Menschen die Öffentlichkeit meiden. Sollen sie ja laut Experten auch, aber was das an sogenannten „Kollateralschäden“ mit sich bringt, wenn sich alte Leute noch mehr zurückziehen, wird viel zu wenig bedacht.    

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

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