Traude Novy

10. Jun 2020

Corona Krisen-Tagebuch 16.Teil

von Traude Novy am 10. June 2020, 13:25 Uhr

2. Juni

 

Es irritiert mich ein wenig, dass wenn im Fernsehen die Notlage Alleinerziehender zur Sprache kommt, immer Frauen in ihren bürgerlichen Einfamilienhäusern gezeigt werden. Ich will gar nicht leugnen, dass es sehr schnell geht, dass man auch als bis dahin abgesicherte Frau plötzlich vor dem Nichts stehen kann, aber da wird doch ein sehr verzerrtes Bild vermittelt.

Es dürfte so sein, dass die meisten von Armut betroffenen Menschen das Fernsehen nicht gern in ihre bescheidenen Wohnungen einladen wollen und sie auch oft ihre Notlage nicht gut artikulieren können. Ich denke auch, dass es bis jetzt für viele Menschen nicht nötig war, für „schlechte Zeiten“ vorzusorgen, wie es uns noch eingebleut wurde – schlechte Zeiten hat es für die meisten Menschen seit vielen Jahrzehnten nicht gegeben. Dennoch finde ich es abstrus, dass sich staatliche Volkswirtschaften vor der Krise die sparsame „schwäbische Hausfrau“ als Vorbild nehmen, was ja ein vollkommener Blödsinn ist, aber den realen „Hausmännern und Hausfrauen“ das Konsumieren, „koste es was es wolle“ mittels Werbung und politischer Animation nahegelegt wird. Es scheint das Wichtigste zu sein, den Konsum wieder „hochzufahren“, ohne die Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Aber anscheinend haben derzeit doch wenige Menschen Lust und vor allem Geld sich ein kurzes „Kaufglück“ zu verschaffen.

 

Ich hätte nie gedacht, dass Jörg Haiders Kärntner Almosenverteilaktion, indem er notleidenden Bürgerinnen und Bürgern persönlich 100 € überreichte, noch zu toppen ist. Aber unserer Familienministerin ist das gelungen. Mittels Zange, um vor Ansteckung zu schützen,  überreichte sie einem Baby Geld aus dem Härtefonds und hat sich dazu auch noch die Kronen-Zeitung zum Ablichten bestellt. So kann, wenn man keine Sensibilität und kein Geschichtswissen hat, die PR auch ziemlich nach hinten losgehen.

 

3. Juni

 

Da mein wichtigstes Küchengerät, der Handmixer, einen Wackelkontakt hat und mir versichert wurde, dass da alles so verschweißt ist, dass eine Reparatur unmöglich ist, habe ich mich in einen Elektromarkt begeben, um ein neues Gerät zu kaufen. Da hab ich aber schön geschaut – alle Handmixer ausverkauft und kein Nachschub in Sicht. Anscheinend hat das viele Kochen in der Quarantäne den Bedarf nach solchen Geräten ungeheuer gesteigert und die Lieferketten funktionieren noch nicht. Ich habe dann nach langen Verhandlungen das Ausstellungsstück, für das es kein Zubehör mehr gab, erwerben können und somit das gute Gefühl, zwar ein Gerät nur wegen eines kleinen Kontaktfehlers wegwerfen zu müssen, einem anderen Gerät aber das Wegwerfen erspart zu haben.

 

Exbundeskanzler Schüssel hat ein Buch geschrieben und war zu einer Diskussionssendung im Radio geladen. Er scheint unbelehrbar zu sein, denn er verteidigt seine Regierungszeit mit Blau und Orange als gute Zeit und auch den Eurofighterankauf sieht er nach wie vor als richtig, ohne auf die lange und breite Korruptionsspur dieses Gerätes einzugehen. Da passt es ganz gut, dass das „mehr Privat – weniger Staat“, für das er sich immer stark gemacht hat, jetzt seine weltweite Bankrotterklärung abgeben muss.

 

Dazu passt auch, dass eine kleine, gar nicht feine Privatklinik in Währing, entlang der „goldenen Meile“ rund um das AKH, gegen Spenden an die FPÖ von dieser massiv gefördert wurde und ihr Zugang zu Mitteln aus den Krankenkassen zugeschanzt wurden und ein Gesetz zur Erhöhung dieser Mittel für Privatspitäler von türkis-blau beschlossen wurde.  Es ist mir schleierhaft, wieso private, gewinnorientierte Spitäler Gelder von Beitragszahlenden bekommen sollen, die nie in den Genuss eines Aufenthalts in einem solchen Spital kommen werden.

 

4. Juni

 

Präsident Trump lässt sich den Weg zu einer Kirche mittels Tränengas von friedlichen Demonstranten säubern, um dort eine Bibel in die Kamera zu halten. Der Wahlkampf um die religiösen Gruppierungen ist voll entbrannt und treibt seltsame Blüten. Religiös zu sein, sagt noch gar nichts, über die Humanität von Menschen aus. Fundamentalisten, mögen es Christen, Juden, Hinduisten, Moslems und sogar Buddhisten sein, offenbaren alle das gleiche gestörte Menschen- und Gottesbild. Alle religiösen Schriften haben ein gefährliches Potential, wenn sie wörtlich gelesen werden. Die Bibel, der Koran und die hinduistischen Schriften wurden eben nicht von einem Gott oder den Göttern diktiert, sondern sie offenbaren die verschiedensten Tiefenschichten reflektierter und unreflektierter spiritueller Menschheits- und Gotteserfahrungen. Und sie sind viele hundert Jahre alt und müssen verantwortungsvoll in unsere Zeit übersetzt werden, damit sie nicht, wie man immer wieder beobachten kann, von verantwortungslosen Machthabern dazu missbraucht werden, Hass zu säen und Kriege religiös zu begründen. Religiöser Fundamentalismus ist meiner Meinung nach gefährlicher als politische fundamentalistische Ideologien, da er vorgibt, eine Rückbindung an das ewig Gültige zu haben.

 

5. Juni

 

Gestern fand auch in Wien eine „Black lives matter“ Demo statt und statt der erwarteten 5.000 Demonstranten waren 50.000 gekommen. Jetzt kann ich mich zurücklehnen, bei Demos werde ich nicht mehr gebraucht! Obwohl natürlich die „Omas gegen rechts“ ein ganz wichtiges politisches Signal sind. Mit Abstand halten war da nicht viel los – aber die frische Luft mag ja das Virus angeblich nicht sehr.

 

Dass ein Tiroler Politiker zu einer Frau sagen kann „a wiederwärtig’s Luder“ und ihn seine Parteikollegen nicht zum Rücktritt zwingen, passt gut in das Bild „wir machen alles richtig“ der Tiroler Landesregierung. Ich fürchte, das Image dieses „wilden Bergvolks“ ist von ihrer Wirtschafts- und Politik-Elite dauerhaft beschädigt worden, obwohl ich, wie alle anderen auch ganz wunderbare und liebenswerte Tirolerinnen kenne.

 

6. und 7. Juni

 

Ich habe mir zwei Tage Familientreffen am Klopeinersee gegönnt. Es tat so gut, ein wenig so zu tun „als ob nichts gewesen wäre“, noch dazu wo in Kärnten wegen der ganz wenigen Krankheitsfälle alles viel entspannter zugeht. Die Wetterkapriolen mit monsunartigen Regenfällen sind allerdings schon ein wenig beängstigend.

 

8. Juni

 

Ich denke es ist Zeit das „Corona-Tagebuch“ zu beenden. Für’s Erste haben wir die Pandemie im Griff, allerdings wissen wir alle nicht, wie es weitergeht und welche Kollateralschäden noch auf uns zukommen.

Da ich es aber sehr bereichernd finde, all das zu reflektieren, was mich beschäftigt,  werde ich weiter schreiben, halt als „Après-Corona-Notizen“ und mit der Hoffnung, dass es beim Après bleibt.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

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