Traude Novy

28. May 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 14. Teil

von Traude Novy am 28. May 2020, 19:03 Uhr

22. Mai

 

Ali, ein Freund Fawads hat sich gestern wieder als Friseur betätigt und meinem Mann die Haare geschnitten. Er wird demnächst seine Lehre bei Penny abschließen und es wurde ihm von der Firmenleitung nahegelegt, zu bleiben, da er gute Aussicht hat, Filialleiter zu werden. Es zeigt sich immer deutlicher, dass unsere Grundversorgung zunehmend in Händen von Zuwanderern sein wird. Da stimmt es besonders bedenklich, zu lesen, dass die Kluft zwischen den Kindern aus bürgerlichen Familien und jenen, wo die Eltern keinen Beitrag zur Bildung leisten können, noch weiter auseinander gehen wird. Da ist in Zukunft besonderes Augenmerk auf Kindergärten und Volksschulen zu richten, da sie die wichtigsten Institutionen sind, die dem Auseinanderdriften der Gesellschaft Einhalt gebieten können.

Österreich und Ungarn sind die einzigen Länder in der EU, die Israel nicht wegen der Annexion der besetzten Palästinenser-Gebiete abmahnen wollen. Ebenso will unser Bundeskanzler bei den Vorschlägen von Merkel und Macron zur Unterstützung der Corona-gebeutelten Länder nicht mitmachen. Ich fürchte Kurz und seine Berater hängen noch immer dem Prinzip der sparsamen schwäbischen Hausfrau an und haben von Volkswirtschaft keine Ahnung. Darauf können wir wirklich stolz sein. Ebenso wie auf die hartnäckige Weigerung, Menschen aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen. Da lädt uns unser smarter Bundeskanzler einen humanitären Ballast auf, der unseren zivilisatorischen Status in Zukunft schwer belasten wird.

 

23. Mai

 

Endlich regnet es richtig. Ich muss jetzt immer an die arabischen Touristinnen in St. Wolfgang denken, die ins Salzkammergut vor allem deshalb kamen, weil sie dort den Regen genossen haben. Mittlerweile kann ich sie ein wenig verstehen. Meine Tochter berichtet mir, dass St. Wolfgang derzeit vollkommen leergefegt ist. Es sind schon manisch depressive Zustände. Noch vor Monaten verstellten einander Touristenmassen die Sicht auf den Ort und die Landschaft. An die in Ramschgeschäfte verwandelten Läden der Einheimischen  haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt. Weniger daran, dass statt der kleinen Ortsgeschäfte sich die Einkaufszentren wie Krätzen in der Landschaft zwischen Ischl und St. Wolfgang breit gemacht haben und dass die Häuser des Ortes ständig für die Sommergäste vergrößert wurden -  und jetzt absolute Stille und ökonomischer Stillstand.

 

Anlässlich des ersten Todestages von Niki Lauda werden Lobeshymnen gesungen. Gleichzeitig zieht sich Lauda-Motion, die er an den Ryan Air Besitzer ziemlich gewinnbringend verscherbelt hat, aus Österreich zurück, weil das Personal mit 1.000,-- € Gehalt nicht zufrieden war. Man sollte bei aller Anerkennung vor allem der mentalen Stärke der Person Niki Laudas nicht vergessen, wie ambivalent sein Beitrag für Österreich war. Das „ich hab nichts zu verschenken“ war seine Grundhaltung und ich fürchte, er hat den österreichischen Steuerzahlenden durch sein „im Kreis fahren“, wie er das nannte, nicht nur viel gebracht, sondern mit seinen Fluglinien auch ziemlich viel Steuergeld gekostet.

Bischof Weber ist gestorben. Er war einer der „guten Hirten“ in unserer Kirche und hatte mit dem Vermächtnis Groers eine schwere Bürde zu tragen. Mit ihm verließ uns einer der letzten aus der guten Zeit der Katholischen Kirche nach dem Konzil.

 

Zum 90. Geburtstag von Friedrich Gulda widmete ihm Ö1 heute eine Sendung. Es war so wunderschön die ganze Bandbreite dessen, was dieser Jahrhundertkünstler uns geschenkt hat, zu hören. Von Beethoven bis Joe Zawinul und seinen exzentrischen Kompositionen – uns ist das Herz aufgegangen. Ohne Ö1 wäre die Krise viel schwerer zu ertragen.

 

24. Mai

 

Wieder ein Sonntag. Durch unsere Quasi-Quarantäne verliert das Leben seine Struktur. Die Kinder sind großteils ausgeflogen und machen die ersten Gehversuche in der „neuen Normalität“. Es trifft mich besonders, dass medial subtil und manchmal auch ganz offen Stimmung gegen uns Alte gemacht wird, weil quasi der Shutdown nur deshalb nötig war, damit wir uns nicht mit dem Virus anstecken. Also wir als Schuldige des wirtschaftlichen Absturzes. Aber erstens haben wir nicht darum gebeten, dass das öffentliche Leben zum Erliegen kommt und zweitens waren nicht wir es, die beim Apres-ski die Viren in ganz Europa verstreut haben. Dieses Generationen-bashing lenkt nur davon ab, dass das einzige, was uns aus der Krise führt, mehr Solidarität sein wird. Zwischen den Generationen, zwischen den Reichen mit den Armen und zwischen Frauen, Männern und Kindern.

 

Beim kurzen Auslüften in einer Regenpause habe ich mit Schrecken festgestellt, dass das Autohaus, das auf dem Grundstück unserer Gärtnerei gebaut wird, mittlerweile fast fertig und der Boden der gesamten Gärtnerei nunmehr versiegelt ist. Es ist tragisch, dass so etwas heute noch möglich ist. Noch dazu wo auf der Pragerstraße die Industrieruinen herumstehen. Nachnutzung statt Neubau von Industrieanlagen müsste doch in Zeiten wie diesen gesetzlich verankert sein. Da müsste bei der Flächennutzungsplänen einiges geändert werden, ebenso wie bei der Straßenverkehrsordnung, die in unserer Minisackgasse 50 kmh mit Gegenverkehr erlaubt, aber kein Parken für Behinderte.

 

Bei meinem Rundgang habe ich noch ein lustiges Erlebnis gehabt. Mir kamen auf einem Spazierweg fünf ziemlich vermummte muslimische Frauen fröhlich plaudernd entgegen und zehn Meter dahinter die dazu gehörigen Kinderwagen schiebenden Männer.  Wie soll man da klare Vorurteile fällen können?

 

25. Mai

 

Zu den derzeit boomenden Geschäftszweigen dürften die medizinischen Labors gehören. Ich habe Suzanna zu einem Corona-Test vor ihrer Heimfahrt angemeldet und Barbara kann auch nicht nach Polen, um dort ihre Krebsmarker überprüfen zu lassen, also habe ich das auch für sie organisiert.

 

Dass die deutsche Autoindustrie wahrscheinlich mit Abwrackprämien belohnt wird, offenbart die Abhängigkeit der Politik von diesem Industriezweig. Diese Arbeitsplätze müssen unbedingt gehalten werden, koste es was es wolle. Arbeitsplätze sind anscheinend doch nicht alle gleich viel wert, denn in der Sozialwirtschaft und im Bildungsbereich ist trotz offensichtlichen Bedarfs nicht mit einer Aufstockung zu rechnen und im Kulturbereich ziert man sich auch. Ich habe an Frau Thurnher von ORFIII geschrieben, statt der ewigen Hitler-Nostalgie-Sendungen Samstag abends doch die österreichischen Kultserien Arbeitersaga, Alpensaga und Piefkesager zu wiederholen. Sie antwortete mir, dass sie diese Samstag-Abend-Weltkriegs-Sendungen als Bildungsprogramm für die Jugend bringen. Also den Jugendlichen möchte ich sehen, der sich am Samstagabend vor den Fernseher setzt und sich Weltkriegs-Reminiszenzen gibt.  Aber immerhin hat Felix Mitterer anlässlich von Corona eine weitere Folge der Piefke-Saga angedacht. Da wird es aber beim ORF eine Mut-Injektion brauchen, um das dann zu senden.

 

Ich habe dem Standard einen Kommentar geschickt, weil meiner Meinung nach der in der Krise gelernte andere Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge beim sogenannten „Hochfahren“ allem Anschein nach wieder zu kurz kommt. Außerdem habe ich  dabei auch darauf hingewiesen, dass es ein enormes Ungleichgewicht zwischen Kommentaren von Männern und Frauen gibt. Das war dem zuständigen Redakteur nach Nachfrage nur die unverbindliche Antwort wert, dass man keine Zusagen bezüglich Veröffentlichung machen könne. Früher habe ich für einen Kommentar noch ein Honorar bekommen, jetzt wird man auch von den sogenannten Qualitätsmedien zu einer zu ignorierenden Bittstellerin degradiert, wenn man Bürgerinnenbeteiligung ernst nimmt.

 

Unser Bundeskanzler ist wieder einmal in guter Gesellschaft. Als Wortführer der „sparsamen Vier“ Österreich, Holland, Dänemark und Schweden, will er den gebeutelten EU-Ländern nur Kredite mit Auflagen geben und keine Zuschüsse aus EU-Mitteln. Er will keine „Schuldenunion“. da würde er sich noch wundern, was aus der EU würde, wenn seine Ideen durchgingen – tun sie aber Gott sei Dank nicht. Ich finde es außerdem unappetitlich, dass Holland, als eine der größten Steueroasen innerhalb der EU sich als moralische Instanz aufspielt.

 

26. Mai

 

Das Regenwetter schlägt sich nun doch auf meine Stimmung – obwohl wir den Niederschlag so dringend brauchen. Aber die völlig durchnässten, ihre Köpfe hängen lassenden Pfingstrosen schauen doch traurig aus. Allerdings hat der Regen jetzt den Läusen auf dem Marillenbaum den Garaus gemacht.

 

Gestern war die Frauengruppe der Armutskonferenz bei mir und es hat gut getan, sich mal ganz persönlich zu begegnen und auszutauschen. Auch in einer so homogenen Gruppe gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das, wie mit der Krise umzugehen sein wird. Das Thema der heurigen Armutskonferenz „Demokratie“ hat jedenfalls eine unerwartete Bedeutung bekommen.

 

Heute wird im Parlament das Budget verlesen – eine seltsame Veranstaltung im Blindflug. Der ständig auf der Regierungsbank mit seinem Handy spielende Bundeskanzler geht mir dabei ziemlich auf die Nerven. Das ist die Ungezogenheit eines Pubertierenden und eine Missachtung des Parlaments, aber mit dem hatte er ja noch nie viel am Hut.

 

27. Mai

 

Mit einem Freund habe ich den ersten Ausflug seit Monaten gemacht – nach St. Corona am Schöpfl. Wir haben uns ordentlich durchblasen lassen und sind auf in kleine Bachbetten verwandelten Wegen gewandert. Es war das erste Mal, dass mein Mann alleine mit Suzanna war, aber ihr Kaiserschmarren hat ihn sichtlich milde gestimmt. Suzanna hofft, dass die Slowakei jetzt doch ihre Grenzen öffnet und sie mit einem Corona Test nach Hause und nicht in Quarantäne muss. Schön langsam wirken ja manche Maßnahmen eher nur noch wie eine Schikane. Aber die Bilder im Fernsehen von Lignano stimmen schon sehr traurig. Wir haben dort mit unseren Enkelkindern so viele vergnügliche Wochen verbracht und jetzt liegt alles unter einem Schleier der Angst. 

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 16.-21.5 sind hier, von 12.-15.5 sind hier, von 7.-11.5 sind hier, von 3.-6.5 sind hier, von 28.4 - 2.5 sind hier, von 23.4- 27.4 sind hier, von 18.4- 22.4 sind hier, von 14.4 - 17.4 sind hier, von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

 

  

   

Traude
Novy
© 2020 | Impressum | Intern
Darstellung: