Traude Novy

18. May 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 12. Teil

von Traude Novy am 18. May 2020, 09:58 Uhr

12. Mai

 

Pünktlich zu den Eisheiligen ist es kalt geworden und es hat Gott sei Dank auch ein wenig geregnet. Heute ist internationaler Tag der Pflege.

Das ist ja immerhin ein Fortschritt, dass es die Pflege in den Kalender geschafft hat. Wenn die Corona-Krise für irgendetwas gut sein sollte, dann dafür, dass klar wurde, dass Pflege, aber die Sorge-, Versorgungs- und Fürsorge-Arbeit neu organisiert und vor allem auch neu bewertet werden muss. Es ist ja nicht so, dass es da keine Fortschritte gibt. Als unsere Großeltern pflegebedürftig wurden, war das noch überhaupt kein Thema und sie wurden im Familienverband von den Frauen versorgt, oder, wenn das nicht möglich war, in Altersheime „abgeschoben“. So wurde das damals genannt, wenn die Frauen die Pflege zu Hause nicht mehr schafften. Diese Altersheime waren allerdings auch in den meisten Fällen menschenunwürdige Unterkünfte. Einiges lässt sich aber aus der Krise für die Neuorganisation der Pflege lernen. Die meisten Toten in Altersheimen gab es in der Steiermark, wo diese Heime großteils privatisiert und von auf Gewinn ausgerichteten Betrieben geführt werden. Außerdem ist die Abhängigkeit der 24-Stundenbetreuungen von Frauen aus dem Ausland riskant. Die Krise nimmt da voraus, was sowieso kommen wird. Da wir hoffen, dass Frauen auch in ihren Heimatländern bald entsprechend bezahlte Jobs bekommen werden, hat dieses Modell keine Zukunft.

 

13. Mai

 

Ich werde von der kfb gebeten, spirituelle Behelfe zum Versenden an die Mitgliedsfrauen zusammenzustellen und ich und merke, wie gerne ich das tue.  Es gibt so einen reichen Schatz an alltagstauglicher Mystik, besonders von Dorothee Sölle, der Gefahr läuft, vergessen zu werden.

 

Meine lange verzögerte Augen-Untersuchung brachte ein wenig erfreuliches Ergebnis. Wie schon befürchtet, hat sich die Netzhautbeschädigung ziemlich verschlechtert. Ich hatte ja einen Untersuchungstermin am 2. April bei den Barmherzigen Brüdern, die haben allerdings Corona-bedingt alles zugemacht und so konnte ich erst gestern einen privaten Termin bei einer Augenärztin, die diese Untersuchung auch machen kann, ergattert. Das ist ein Kollateralschaden der Krise, von denen es sicher unzählige gibt. Wie die Behandlung bei den Barmherzigen Brüdern in Zukunft ablaufen soll, ist mir nicht klar. War es doch bisher so, dass alle zu Behandelnden einen Termin um ½ 8 Uhr früh hatten, dann ca. 50 Personen dicht gedrängt in einem Warteraum ca. 2 Stunden auf den Eingriff warten mussten und dann am Fließband ohne viel hygienische Maßnahmen, die Injektion in das Auge gemacht wurde. Da wird es einiges an Veränderung brauchen, wahrscheinlich vor allem mehr Personal. Ich finde es ja spannend, dass jetzt schon die Diskussion darüber losbricht, dass wir ja doch weniger Spitalsbetten bräuchten. Aber das heißt das Pferd von hinten aufzäumen. Zuerst brauchen wir bessere ambulante Rahmenbedingungen, dann könnte man vielleicht über die Einsparung von Spitalsbetten reden. Die Diskussion ist übrigens sehr verschleiernd, denn es geht dabei ja nicht darum, wieviel Betten aufgestellt werden können, sondern wieviel Personal zur Betreuung dort zur Verfügung steht und das ist meiner Erfahrung nach schon derzeit zu wenig.

 

14. Mai

 

Um das Geschäft der Wiener Wirte zu beleben, verteilt jetzt der Bürgermeister an jede Wienerin und jeden Wiener einen 25€ Gutschein für einen Wirtshausbesuch – gilt allerdings nicht für Alkohol. Ich weiß nicht, ob es da nicht sinnvollere Möglichkeiten zur Ankurbelung der Wirtschaft gäbe. Eine Möglichkeit wäre doch, nur den Mindesteinkommensbeziehern Gutscheine zukommen zu lassen, allerdings nicht nur beim Wirten, sondern auch für Bekleidung, Schulbedarf, Sport- und Spielsachen. Da fürchtet der Bürgermeister aber sichtlich die Missgunst unserer Bürgerinnen und Bürger, denn da bekämen auch ausländische Personen einen Gutschein. Noch besser wäre es allerdings, sich für die Anhebung der Mindestsicherung einzusetzen, d.h. nicht Almosen zu verteilen, sondern gesetzliche Ansprüche schaffen.

 

Unser Herr Bundeskanzler ist gestern in seine eigene PR-Falle getappt. Als Zeichen, dass er auch den hintersten Winkel Österreichs nicht vergisst, ist er ins Kleine Walsertal gereist – mit Sondergenehmigung über Deutschland. Da wurde zur Beflaggung aufgerufen und das Ganze erinnerte ein wenig an die Zeit, als der Kaiser zur Sommerfrische nach Ischl fuhr und dort am Straßenrand von den Berglern begrüßt und hofiert wurde. Die Sache ist dann allerdings aus dem Ruder gelaufen, denn es war nicht so wie bei uns auf der Donauinsel und an anderen Orten wo die Gefahr besteht, das Menschen einander zu nahe kommen, dass massenhaft Polizei im Tal patrouilliert hätte – wäre ja auch kein schönes Bild für die Medien gewesen. So drängten sich also die begeisterten Fans um den Kanzler, der das alles sehr genoss, auch wenn er lachend immer wieder um Abstand bat. Das klang nicht wirklich ernst gemeint.

Schäbig war dann wie so oft seine Rechtfertigung im ORF. Es wären die Journalisten gewesen, die keine Disziplin gezeigt hätten, obwohl auf den Bildern deutlich sichtbar einheimische Verehrerinnen und Verehrer mit Kindern auf der Schulter und an den Händen sich um den Kanzler scharten.

 

Ich frage mich, wie das auf die Künstlerinnen und Künstler wirkt, denen derzeit solche Bäder in der Menge vom Regierungschef strikt untersagt sind und denen auch keine Bühnen aufgestellt werden, um sie zu bespielen, wie für den Kanzler. Die Ausrede, dass die Kleinwalsertaler eben besonders enthusiastisch waren, weil ihr Tal von der Außenwelt abgeschnitten war, klingt in meinen Augen zynisch. Welche Bewegungsfreiheit hatten denn die anderen Bürgerinnen und Bürger? Die Kleinwalsertaler konnten zumindest in die Natur hinaus, was durch Herrn Kurz den Wienerinnen und Wienern untersagt war, da sie nicht einmal die Bundesgärten betreten durften.

 

15. Mai

 

65 Jahre Staatsvertrag. Was waren wir doch damals für ein armes, hoffnungsfrohes Land und wie reich und hoffnungsarm sind wir jetzt. Die Lokale haben wieder offen und bald auch die Museen – aber die Kulturschaffenden,  die ihre Arbeit nur in Räumen, auf Bühnen und vor Zuschauern machen können, hängen nach wie vor völlig in der Luft. Ganz verstehe ich allerdings nicht, warum der enge Kontakt in Restaurants möglich ist, nicht aber in Zuschauerräumen. Da wird mit dem Rücktritt von Ulrike Lunacek nichts besser. Ich kenne ja Ulrike schon seit Jahrzehnten, als sie eine sehr kompetente junge Frau in der Entwicklungszusammenarbeit war. Sie war auch federführend bei der Gründung des entwicklungspolitischen Netzwerkes für Frauen WIDE beteiligt, das für mich und mein Engagement in diesem Bereich sehr wichtig war und noch ist. Ich fürchte, Ulrikes Hauptfehler ist, dass sie selbstlos immer da ist, wenn sie gebraucht wird. Der Auftritt bei der Pressekonferenz, wo sie nur die abstrusen Vorgaben der Regierung leider ziemlich ungeschickt kommuniziert hat, war ein Himmelfahrtskommando. Und man hat sie alleine im Regen stehen gelassen. Die unqualifizierten Angriffe auch aus der Kunstszene auf sie, hängen leider auch damit zusammen, dass sie eine Frau ist. Aber warum sollen in ihrer Existenz bedrohte Künstler bessere Menschen sein. Dass die Beziehung der Regierung zur Kultur nur sehr mäßig ist, war ja schon mit Blümel als dafür Verantwortlichen deutlich zu sehen. Jetzt als Finanzminister ist er dafür zuständig, auch für die Kultur Geld flüssig zu machen. Da ist nichts passiert und die Grünen haben sich, wie in vielen anderen Bereichen auch, nicht wirklich dafür stark gemacht, oder zumindest dieses Anliegen nicht kommuniziert. Damit haben sie auch noch jene Menschen vergrault, die zu ihren treuesten Wählerinnen und Wählern gehören. Gott sei Dank hat Van der Bellen die richtigen Worte gefunden, indem er die Bedeutung von Kunst und Kultur an sich und nicht nur in ihrer Umwegrentabilität für die Wirtschaft hervorhob. Diese Umwegrentabilität ist allerdings das einzige Argument für das der türkise Teil der Bundesregierung zugänglich scheint, um doch Geld springen zu lassen. Immerhin ist die Kultur ein größerer Wirtschaftsfaktor als die Landwirtschaft.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

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