Traude Novy

04. May 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 9. Teil

von Traude Novy am 04. May 2020, 09:12 Uhr

28. April

 

Ab 1. Mai wird das Leben wieder ein wenig normaler. Aber was ist schon normal? Waren die Touristenströme in Wien, oder noch ärger in Venedig und Barcelona normal? Ist es normal, dass Kreuzfahrtschiffe mit 5.000 Personen an Bord massenhaft die Weltmeere verschmutzen? Ist Shopping als Freizeitbeschäftigung normal? Sind Billig-T-Shirts als Wegwerfware normal? Sind die Vermögensunterschiede in Österreich, wo 1 % der Bevölkerung 40% aller Vermögen besitzt, normal? Ist es normal, dass es Rettungsschiffen verboten wird, in Europa zu landen? Ich wünsche mir wirklich eine „neue Normalität“ aber die sieht wahrscheinlich anders aus, als die Vorstellungen unseres Bundeskanzlers.

Suzanna will uns zum Abendessen Langos machen. Wann habe ich die zuletzt gegessen? Ich denke, als Jugendliche im Prater. Ich bin schon neugierig. Es ist doch seltsam, dass uns mexikanische Tortillas und indische Pakoras vertrauter sind, als die Snacks unserer unmittelbaren Nachbarn.

 

Die gestrigen Feierlichkeiten zum Republikjubiläum und die heutige Nationalratssitzung hat den modischen Wettbewerb bezüglich Mundschutz auf die Spitze getrieben. Irgendwann wird man wahrscheinlich herzlich drüber lachen, aber die rot-weiß-roten Masken der Bundesheersoldaten bei der Kranzniederlegung erinnerten doch sehr an Clown-Nasen. Im Parlament wiederum hatten die meisten ihre Parteifarben als Masken. Die Arbeitsministerin mit ihrer langen blonden Haarpracht tat sich schwer, sich vor ihrer Rede von diesem Mundschutz befreien. Diese Spielereien erscheinen mir schon ein wenig kindisch – obwohl ich mich da nicht ausnehme, da mein Enkelsohn versprochen hat, mir eine Rapid-Maske zu liefern.

 

Minister Anschober tat sich am Abend schwer, die unterschiedlichen Auslegungen der diversen Verordnungen zu rechtfertigen, hatten sie doch handfeste Auswirkungen. Mittels Eigeninitiative und durch „Hinweise“ von Bürgerinnen, wurden immerhin von der Polizei ca. 30.000 Anzeigen auf Grund der unklaren Gesetzeslage verhängt.

 

 

29. April

 

Unser 58. Hochzeitstag. Manchmal stelle ich mir auch die Frage, die mein Vater im Alter manchmal formuliert hat: „wo ist das Leben hingekommen?“

 

Es ist sehr schnell gegangen, der Weg vom naiven jungen Paar bis zu den noch immer nicht abgeklärten Urgroßeltern. Aber andererseits, 1962, da waren wir für heutige Begriffe wirklich arm, keine eigene Wohnung, ein Zimmer bei den Eltern, aber die paradiesische Aussicht auf 60m2 im Ursulinenhof. Noch mit 3 Kindern bewohnten wir diese 1 ½ Zimmer. Aber so war es eben damals, rundum lebten die jungen Paare ähnlich. Manchmal, wenn ich Menschen meiner Generation begegne, die über alles und jedes nörgeln, frage ich sie: „Hättet ihr als Junge je gedacht, dass es euch mal so gut gehen würde?“ Selbstverständlich gilt das nicht für alle, gerade wenn man sich sozial engagiert, weiß man auch um die Armut heutzutage, aber wir „Mittelständler“ der Nachkriegsgeneration haben es gut getroffen. Und dann macht uns so ein unsichtbares stacheliges Krönchen doch noch einen Strich durch die Rechnung.

 

Ich bin erstmals seit dem 13. März einkaufen gegangen, die Situation der Masken und des Distanz Haltens war doch befremdlich. Am Schluss habe ich mich dann noch mit einem Hochzeitstags-Blumentopf belohnt. Lilien, so wie damals in meinem Brautstrauß.  Zum Abendessen kam unser Ältester, wir haben auf Distanz getafelt und ein bisschen viel getrunken und wie immer theoretisch die Welt verbessert. Mit unseren Freunden, mit denen wir seit 40 Jahren den gemeinsamen Hochzeitstag feiern, haben wir dann auch noch per WhatsApp angestoßen und uns an die vielen gemeinsamen Hochzeitstagsfeste in Grado erinnert.  

 

30. April

 

Suzanna nimmt mir fast alle Arbeit ab, das ist gewöhnungsbedürftig. Der Garten kommt sich schon ein wenig overprotected vor, weil ich mich jetzt vor allem auf ihn konzentriere. Apropos overprotected, von Lehrerinnen, die in bürgerlichen Bezirken arbeiten, höre ich, dass sie durch home schooling zunehmend unter Druck kommen. Sie haben das Gefühl, Eigentum der Eltern ihrer Schülerinnen zu sein, weil diese sie zu jeder Tageszeit und auch am Wochenende kontaktieren und sie als Privatlehrerinnen ihrer Kinder betrachten. Mir ist ja der Satz „Ich will ja nur das Beste für mein Kind“ immer schon suspekt, weil sich damit schon so etwas wie eine auf die Kernfamilie erweiterte egoistische und individualisierte Grundhaltung ausdrückt, „für mich und die Meinen muss es das Beste sein“, was gleichzeitig bedeutet, dass die anderen nicht so wichtig sind. Ein Beispiel dafür, dass durch das home schooling die sozialen Schichten noch mehr auseinanderdriften werden. Die Regierung plant ein Konjunkturprogramm und wird nicht müde zu betonen, dass durch die geplante Steuerreform die untersten Einkommen vorrangig entlastet werden. Da sich viele mit der Zusammensetzung des Steuersystems nicht wirklich auskennen, glauben es sicher die meisten, aber von einer Senkung des Eingangssteuersatzes von 25 auf 20 % profitieren alle, auch die Spitzenverdiener, weil auch sie für die ersten 11.000,-- bis 18.000,-- Jahreseinkommen nur 20 % Steuer bezahlen werden. Am wenigsten haben davon die, die am untersten Rand der zu versteuernden Einkommen verdienen und garnichts, jene, die wegen zu geringem Einkommen keine Lohnsteuer zahlen. Sie zahlen allerdings genausoviel Mehrwertsteuer wie alle anderen auch und die Mehrwertsteuer trägt am meisten zum Steueraufkommen bei.

 

1. Mai

 

Tag der Arbeit ohne Maiaufmarsch. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit als katholisches Mädchen in einem Arbeiterbezirk. Die bunten Gruppen mit Blasmusik, die mitreißenden Gesänge der aus Floridsdorf durch die Jägerstraße marschierenden Menschen und die Kinder auf ihren mit Krepppapier verzierten Fahrrädern, haben mich damals sehr fasziniert und ich hab mir heimlich gedacht, eigentlich schöner als Fronleichnam, das für meinesgleichen einen ähnlichen Aufmarschcharakter hatte.

 

Wir haben einen Film über die Situation unserer Gemüsebauern gesehen. Ihnen fehlen tausende Arbeitskräfte aus Rumänien, der Ukraine usw. um unseren Spargel, die Erdbeeren, den Salat und die Gurken zu ernten. Verwundert hörte ich einem Erdbeerbauern aus dem Weinviertler Heimatdorf meiner Eltern zu, wie er verzweifelt um seine Ernte bangt. Erdbeeren waren früher kaum ein Produkt der Gegend und ich musste an die frühere kleinteilige Landwirtschaft in diesem Dorf denken, wo jeder Bauer Wein, Getreide, Zuckerrüben und Viehfutter usw. angebaut hat. Das war weniger ertragreich, aber vielleicht krisensicherer.

 

Allerdings können Bauern in Zeiten industrialisierter Landwirtschaft mit dieser kleinteiligen Diversifizierung wahrscheinlich nicht mehr ihr Auslangen finden. Aber die vielgepriesene Regionalität der Produktion ist ein vollkommenes Trugbild. Unsere landwirtschaftliche Erzeugung beruht auf der schlecht bezahlten Arbeit von Menschen aus ärmeren Ländern. Ich habe auch gesehen, welch schwierige und qualifizierte Arbeit das Spargelstechen ist, dafür finden sich kaum österreichische Arbeitskräfte, weil diese schwere Tätigkeit eben nicht entsprechend bezalt wird. Da sie Monokulturen bewirtschaften, um dem Ausland gegenüber konkurrenzfähig zu sein, liegen deshalb Wohlstand und wirtschaftlicher Absturz der Bauern ganz in den Händen ihrer ausländischen Saisonarbeiterinnen. Der internationale Preiskampf im Lebensmittelhandel, den wir ja alle durch unsere Einkäufe befeuern, lässt eine sozial- und umweltverträgliche Landwirtschaft nicht zu. Die Globalisierung auf diesem Gebiet macht aus der Grundversorgung der Bevölkerung ein vom Weltmarkt gesteuertes Spekulationsprodukt.

 

Vielleicht lernen wir aus der Krise, aber egal wie es weitergeht, Leidtragende bei Veränderungsprozessen sind die Bauern, die sich diesem System angepasst und teilweise auch sehr gut daran verdient haben. Es gibt schon lange qualifizierte Vordenker und Vordenkerinnen für eine anders strukturierte Landwirtschaft und eine andere Preisgestaltung im Lebensmittelbereich, vielleicht hören jetzt auch die Landwirtschaftskammer und die politisch Verantwortlichen auf sie. Die drei vielgepriesenen Freiheiten in der EU, wie Freiheit des Warenverkehrs, des Personenverkehrs und der Dienstleistungen, sind vollkommen zusammengebrochen. Zeit nachzudenken, in Europa einen anderen Freiheitsbegriff zu kreieren, der in Krisen Bestand hat, z.B. die Freiheit der Märkte zu regulieren und statt dessen die Ernährungssouveränität der Bürgerinnen und Bürger auszuweiten, d.h. das Recht der Menschen auf gesunde und regional angepasste Ernährung, die nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt wurde.

 

2. Mai

 

In der Nacht hat es ein wenig geregnet, aber es scheint schon wieder die Sonne, schön langsam wird es bei uns in Ostösterreich dramatisch. Mich ärgert zunehmend die Kriegsrhetorik der Politiker. Gerade jetzt, wo sich das Kriegsende zum 75. Mal jährt, sind für mich Vergleiche wie „Wiederaufbau“ und „Hochfahren“ für die derzeitige Lockerung unserer Beschränkungen völlig unpassend. Ich war zwar 1945 noch ein kleines Kind, aber wir haben damals in einer Bombenruine gehaust, es gab keine Brücken über die Donau und nichts zu essen, unsere Luxuseinschränkungen damit zu vergleichen, können nur historisch ignorante Personen tun. Aber es ist sichtlich ein „Framing“ der Öffentlichkeitsarbeitsberater der Regierung, vertraute Vokabel zu verwenden, um Emotionen zu wecken. Dazu gehört auch die „Wiederauferstehung“ und der „Schulterschluss“. Ein wenig mehr Kreativität auf dem Gebiet könnte nicht schaden, aber auch mehr Sensibilität der Medienleute und von uns allen täte gut.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

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