Traude Novy

23. Apr 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 7. Teil

von Traude Novy am 23. April 2020, 14:25 Uhr

18. April

 

Schön langsam ist es schon Routine, Wocheneinkauf wird geliefert und das zu einem kleinen Tratsch auf Distanz genutzt. Meine Tochter hat uns auch von ihrem Wirt am Yppenplatz einige Köstlichkeiten mitgebracht. Er kocht jetzt zur Abholung und rext auf Vorrat in Gläser ein. Es erinnert mich ein wenig an meine Kindheit, als bei meinen Großeltern wenn geschlachtet wurde, einige Gerichte „eingerext“ wurden. Diese kleinen Wirte muss man unterstützen, sie arbeiten normalerweise immer am Rande der Selbstausbeutung und jetzt muss man schauen, dass sie uns erhalten bleiben.

Also haben wir feudal getafelt: Fenchelsalat, Linsensuppe und Tintenfischragout mit Bohnen.

Ich merke rundum bei meinen Freunden, dass die Stimmung umschlägt – leicht depressive Ansätze machen sich breit. Wir werden wohl nie mehr so leben, wie wir in den letzten Jahren gelebt haben. Denn auch wenn das Virus irgendwann wieder verschwindet, eine solche erzwungene Veränderung unseres Sozialverhaltens geht nicht spurlos vorbei. Aber nüchtern betrachtet, war ja eh einiges an unserem Verhalten hinterfragenswert. Aber in den Wald und auf die Berge möchte ich schon nochmal.

 

19. April

 

Wieder ein einsamer Sonntag. Dennoch werden die Stöße von Zeitungen, die ich nachlesen möchte, nicht kleiner. Die Augen ermüden rasch. Der Regen war auch nicht wirklich ergiebig. Dennoch haben es Schnecken in mein Hochbeet geschafft und die Gurkenpflanzen abgefressen. Mit der Selbstversorgung wird es nicht so wirklich hinhauen, obwohl ich von Löwenzahn über Sauerampfer, Ruccola, Girsch und Brennessel alles verarbeite, was derzeit grün ist. Der Waldmeister duftet so herrlich, aber mit wem sollten wir jetzt Bowle trinken?

 

Eine erschütternde Meldung kam aus einem Altersheim in Kanada, dort hat wegen des Ausbruchs von Corona fast das ganze Personal das Haus verlassen und die alten Leute sich selbst überlassen. Es war übrigens ein privates Luxusheim. In Amerika werden Investoren, die Spitäler betreiben, um damit Gewinne zu lukrieren, nun vom Billionentopf der Regierung gefördert, damit sie die Kliniken nicht zusperren. Der Rechnungshof wirkt derzeit etwas zerknirscht, weil er seit Jahren auf den Bettenabbau in den Spitälern gedrängt hat, um sich den anderen EU-Staaten anzupassen. Gott sei Dank ist das nicht passiert. Wenn ich denke, wie überlastet das Personal im Spital war, als mein Mann letzten Sommer eine Embolie hatte, ist es ja ein Wunder, wie gut bei uns derzeit alles funktioniert. Aber eine Freundin, die auch in einem eher teuren Heim untergebracht ist, sagt, dass man ihnen jetzt das Essen vor die Zimmertür stellt. Alles, was sonst dort angeboten wird, von Gymnastik über Singen und Kuturangebote ist ebenfalls gestrichen. Keine Besuche, spazieren gehen im Garten nur alleine und mit großer Distanz – was macht das mit alten Menschen, die so dringend Anregungen und Gesellschaft brauchen, um nicht körperlich und geistig zu verfallen? Zunehmend kommt in der Gesellschaft die Stimmung auf, dass man nicht wegen der Alten und Kranken, den sogenannten Risikogruppen, einen Shutdown des öffentlichen Lebens verlängern möchte. Die Solidarität bröckelt. Die Tourismusorte meinen, dass die Wiener – gegen die es eh immer versteckte Aversionen gab, zu Hause bleiben sollten. Sie vergessen, dass nicht Wien ein Corona-hotspot ist, sondern eher die Tourismus-Orte das Virus verbreitet haben.

Morgen kommt Barbara wieder, wir werden Distanz halten, aber für mich allein wäre es auf Dauer zu viel, das Haus halbwegs sauber zu halten.

 

20. April

 

Barbara ist wieder da. Ich freue mich, sie zu sehen. Außerdem ist sie so korrekt und hat ständig das Desinfektionsmittel bei der Hand. Sie kann derzeit nicht zu ihrer Tochter und auch nicht zu ihrer Krebskontrolle nach Polen fahren. Am Abend blitzen die Fenster und das Gefühl von Sauberkeit rundherum tut gut. Sie hat natürlich wie immer etwas mitgebracht. Diesmal Schokoeier und – Klopapier.

 

Sebastian Kurz sagte in einem CNN Interview, dass  künftig in den Restaurants alle werden Masken tragen müssen. Das war ein etwas seltsamer Schnellschuss – später wurde, allerdings nicht von Kurz – denn der sagt ja nie was Falsches – richtig gestellt: das gelte nur für’s Personal. Eine entspannte Stimmung kann aber beim Abendessen mit Freunden auch so nicht aufkommen.

 

Die türkise Partei nähert sich der absoluten Mehrheit. Es stimmt schon, dass wir derzeit als europäische Musterschüler dastehen, was den Umgang mit der Pandemie betrifft und der Kanzler betont ja auch immer wieder, wie super er das alles gemacht hat, aber wie soll es weitergehen? Wenn derzeit 2 % der Bevölkerung das Virus hatten, aber erst wenn 60 % erkrankt waren, es ein Abklingen der Infektionsgefahr geben wird und das weltweit, dann heißt das entweder, wir halten die Kurve weiter flach, mit allen Restriktionen und hoffen auf eine Impfung, oder wir lernen vernünftig mit dieser Gefahr zu leben. Das heißt, es werden auch bei uns mehr Menschen daran sterben. Derzeit sterben allerdings auch Menschen an anderen Krankheiten, als an Corona. Das ewige Leben hier auf Erden wird es nicht geben. Der Blick der Verantwortlichen muss geweitet werden und eine Abwägung aller gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren Platz greifen. Kanzler Kurz warnte immer, dass wir uns in der Ruhe vor dem Sturm befänden, welchen Sturm meint er und wann soll der seiner Meinung nach kommen? Oder wollte er uns nur mit Angst disziplinieren? Das sind alles Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte. Ich will als mündige Bürgerin ernst genommen und nicht vom jungen Papa, der alles besser weiß, wie ein Kleinkind behandelt werden. Ich wünsche mir eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Gesundheitsexpertinnen, Pädagogen, Wirtschaftsfachleuten und Psychologinnen, wie es sinnvoll weitergehen könnte. Vielleicht sollten wir doch ein wenig nach Schweden schauen und den Menschen in Österreich mehr Eigenverantwortung zutrauen.

 

Die ersten jungen Flüchtlinge sind aus Griechenland in Deutschland angekommen – eine eher symbolische Handlung, aber alles noch besser als die empathielos egoistische Einstellung unserer Regierung. Hat Kurz Angst davor, die Absolute zu verlieren, wenn er einige ehemalige FPÖ Wähler verärgert? Staatsmännisch ist da nichts. Die Grünen müssen sichtlich kuschen, damit das Neuwahlgenie Kurz nicht eine Regierungskrise dazu nutzt, seine absolute Macht zu zementieren.

 

21. April

 

Wieder ein wunderschöner, am Morgen kühler Frühlingstag. Wann wird es endlich mal richtig regnen? Ich bin ständig mit dem Gießen beschäftigt. Aber was machen die Bauern? Unser Marillenbaum trägt doch einige Früchte, die dem Frost getrotzt haben. Die Erdbeeren blühen und auch die Himbeeren treiben aus. Bei meinem morgendlichen Kontrollgang durch den Garten habe ich festgestellt, dass wir auf dieses kleine Stück Erde die ganze Welt hereingeholt haben. Eine besondere Beziehung habe ich zu unserem Kaffeebaum, der von einer Freundin aus Bohnen einer kleinen FAIRTRADE-Kooperative in Mexico gezogen wurde. Er schafft es sogar, in unmittelbarer Nachbarschaft zu unseren Weinstöcken zu blühen und einige Bohnen zu produzieren. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Kaffee und Wein viel gemeinsam haben. In einer Ecke beginnen Alpenrosen zu blühen und weiter weg sprießen die englischen Rhododendron-Blüten. Passionsblume und Bourgainvillea erinnern mich an den Garten einer Freundin in Südfrankreich. Orangen und Zitronen blühen und duften. Kakteen, die ich im Süden hab mitgehen lassen, haben schon eine gewaltige Größe und sogar meine Bananenstaude bekommt ein neues Blatt. Besonders stolz bin ich aber auf die Pelargonien, weil ich einige von ihnen noch vom Fensterbrett meiner Mutter gerettet habe und jedes Jahr wieder zum Blühen bringe. Wir haben die Welt im Garten, wer, wenn nicht wir, sollte es aushalten, zu Hause zu bleiben. Aber dennoch, dass wir noch ganz lange Zeit unsere beiden Urenkel, die ja eh so schnell wachsen, nicht bei uns haben können, ist besonders traurig.

 

Am Freitag wird wahrscheinlich eine 24-Stunden Hilfe bei uns anfangen. Wir haben sehr gemischte Gefühle. Einerseits schaffen wir es nicht mehr alleine und das wirkt sich auch auf unsere Beziehung aus, wir werden beide zunehmend aggressiv. Andererseits wird ab nun immer eine fremde Person bei uns anwesend sein.

 

Sebastian Kurz hat ein untrügliches Gespür für die Stimmung im Land. Immer mehr Beschränkungen aufgehoben und Kurz appelliert an unsere Selbstverantwortung. Nur für uns Alte soll sich nichts ändern. Wie es mit den Kulturinstitutionen weitergehen soll, ist allerdings unvorstellbar. Ein voller Zuschauerraum, undenkbar, die großen Orchester mit Masken? Was machen da die Bläser? Das sind ja wohl die größten Virenschleudern. Wir Wienerinnen und Wiener, die an ein solch reiches Kulturangebot wie es keine andere Stadt bietet, gewöhnt sind, können uns noch nicht vorstellen, was das in Zukunft heißen wird.

 

22. April

 

Es geschehen doch noch ganz unerwartete Dinge. Eine Frau, noch dazu eine mit afrikanischen Wurzeln, wird Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofs. Mit ambivalenten Gefühlen lese ich, dass ein Drittel des Modehandels in Konkurs gehen wird. Es ist eine Tragödie für die Händlerinnen und die Menschen, die dort arbeiten – aber wenn wir ehrlich sind, so brauchen wir diese „Fetzen“ eigentlich nicht wirklich. Andererseits haben die Frauen in Bangladesh, die für einen Hungerlohn diese Waren produzieren, jetzt gar kein Einkommen mehr.

 

Ich lese, dass Papst Franziskus aus ultrarechten katholischen Kreisen zunehmend Hass entgegenschlägt. Für sie ist das Virus eine Strafe Gottes. Mit diesen Menschen verbindet mich nichts. Katholisch sein hat nichts Verbindendes, wenn das Menschen- und Gottesbild keinerlei Gemeinsamkeit haben.

 

Gestern hat man Geld dafür bekommen, wenn man am Weltmarkt Erdöl gekauft hat – mir sage niemand, dass der Markt vernünftig ist.

 

Wir müssen für die Zukunft nicht nur auf unsere demokratischen Rechte achten, sondern wachsam sein, dass nicht ein gesamtgesellschaftlicher Backlash eintritt. Da wurde es einer Frau abgelehnt, ihr Kind in den Kindergarten zu bringen, weil sie ja keinen systemrelevanten Beruf hat. Also Frauen wieder vor allem Mütter und nur wenn man sie unbedingt als Pflegerin, Kassierin und Ähnliches braucht, im allergrößten Notfall, wenn sie so dämlich sind und sie home office, Haushalt und Kinderbetreuung nicht alleine schaffen, dann dürfen sie die öffentlichen Einrichtungen benutzen. Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, dass die meisten Frauen in Bundes- und Länderregierungen und auch viele weibliche Abgeordnete keine Kinder haben, oder diese schon erwachsen sind. Also Frau sein allein sagt noch nichts über eine gleichberechtigte Frauenpolitik aus. Unsere Herren Minister hingegen werden ab und zu gefragt, wie es denn mit dem Schoollearning ihrer Kinder wäre und sie berichten mit Stolz geschwellter Brust, wie toll ihre Gattinnen das hinkriegen. Da werden Rollenbilder zementiert und niemand denkt sich was dabei. Nur Beate Meinl Reisinger weiß aus eigener Erfahrung, was der Shutdown der Schulen für Kinder und Eltern bedeutet und sie tritt energisch für Klarheit auf.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 14.4 - 17.4 sind hier, von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

 

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