Traude Novy

26. Mar 2020

Corona-Krisen-Tagebuch

von Traude Novy am 26. March 2020, 13:22 Uhr

Jetzt haben wir ordentlich eins auf den Deckel bekommen – wir, die wir uns als die Krone der Schöpfung sehen, wurden von einem unsichtbaren, allerdings massenhaft auftretenden Krönchen auf den uns zustehenden Platz verwiesen. Es wurde uns tragisch bewusst gemacht, dass wir auch nur Teil eines Systems sind, das wir nur sehr begrenzt beherrschen. Das Unberechenbare ist immer größer. Demut und Achtsamkeit sind jetzt angebracht und Reflexion darüber, was unser Platz und unsere Rolle im Gefüge der Welt sein kann, wenn wir die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten erhalten wollen.

Ich habe mich entschlossen, meine Gedanken in diesen Zeiten des uns aufgezwungenen Wandels, schriftlich festzuhalten. Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass eben später nicht wieder „business as usual“ einkehrt, sondern unsere Sorgen, die Erfahrungen von Solidarität und von dem was wirklich wichtig ist, nicht vom Alltag verdrängt werden, sondern Teil einer lebendigen Erinnerungskultur bleiben und fruchtbar werden können.

 

Ich beginne meine Reflexion mit dem

5. März 2020

Das war der Tag, an dem Bundespräsident van der Bellen anlässlich des Internationalen Frauentags zu einer Veranstaltung in der Hofburg eingeladen hatte. Am Beginn des langen Ganges standen  fünf Automaten mit Desinfektionsmittel. Ich, und nicht nur ich, fand das reichlich übertrieben. Wir sollten uns keine Hände geben und Bussi-Bussi sein lassen. Aber es herrschte ein unwahrscheinliches Gedränge, da die Räumlichkeiten viel zu klein für die Zahl der eingeladenen Frauen waren. Die Bedrohung durch das Virus wurde von uns allen unterschätzt.  Der Bundespräsident übte sich im indischen Namaste, statt Hände zu schütteln. Das hatte er zwei Tage zuvor beim Benefiz-Suppenessen von unseren indischen Projekt-Partnerinnen gelernt.

 

6. 7. 8. März

Wochenendeinkauf wie immer. Die Ausbreitung des Virus in Italien beginnt zu irritieren. Unsere Tochter Regina ist in den Dolomiten auf einer 7-Tage-Skitour. Wir machen uns allerdings mehr Sorgen wegen der Lawinengefahr durch den späten Wintereinbruch als wegen des Corona-Virus. Besuch von unseren besten Freunden und unserer Tochter Kati. Fawad, unser afghanischer Mitbewohner klagt darüber, dass bei Penny, wo er arbeitet, ein ungeheurer Kunden-Ansturm ist.

 

9. März

Ich habe mir zwei Tage freigeschaufelt, um zur Armutskonferenz nach Salzburg zu fahren. Heidi Clementi, die mit uns dort zur Auflockerung  jodeln sollte, informiert mich per SMS dass sie nicht sicher ist, ob die Grenze am Brenner offen ist. Ein wenig später kommt ihre Entwarnung – sie ist schon in Österreich.  Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass es riskant sein könnte, eine Teilnehmerin aus Italien dabei zu haben. Heidi fährt allerdings in der Nacht noch zurück nach Italien, da an der Grenze bereits Barrikaden errichtet worden waren. Da Heidi und ich uns sehr lange nicht gesehen haben, sind wir den ganzen Abend sehr eng zusammen.

 

10. März

Konferenz im gesteckt vollen Virgilsaal. Am Nachmittag kommt die Information, dass Veranstaltungen mit über 100 TeilnehmerInnen ab 11. März in ganz Österreich verboten sind. Es herrscht Verwirrung – da niemand konkret Auskunft geben kann, ob das auch für die Armutskonferenz gilt, die ja schon seit Montag läuft. Schön langsam nehmen wir die Sache ernster. Eine Referentin ist uns nur per Video zugeschaltet, da sie einen Infekt hat. Ich reise am Abend nach Hause.

 

11. März

Nun werden die Unis geschlossen! Schön langsam sickert es auch bei mir. Da bahnt sich etwas an, das unabsehbare Folgen hat. Die Börsen gehen auf Talfahrt. Was uns Bürgerinnen, die wir keine Aktien besitzen ja egal sein könnte. Aber unsere Lebensversicherungen, Zusatzpensionen, Abfertigungen usw. wurden in den letzten Jahrzehnten ja den Börsen in den unersättlichen Rachen geworfen – deshalb ja auch der ungeheure Börsenboom. Das heißt, dass wir alle unter den Folgen dieses Casinokapitalismus leiden werden. Jetzt zeigt sich, was wirklich wichtig und belastbar ist. Unser Gesundheitswesen, das Gott sei Dank noch nicht ganz kaputt gespart ist, unsere Bettenkapazität in den Spitälern, unsere Sozialpartnerschaft,  unser Versorgungssystem und unsere Infrastruktur.

Meine Enkeltochter Mira besucht uns, da ja die Uni geschlossen hat. Wir gehen miteinander Erde und Pflanzen für den Garten kaufen – der Frühling ist erwacht. Der Marillenbaum vor’m Fenster blüht so dicht wie noch nie.

 

12. März

Heinz Fischer schreibt im Standard unter dem Titel „Was werden unsere Kinder sagen?“ darüber, dass wir in Zeiten des Corona-Virus nicht auf die Not der Flüchtlinge vergessen dürfen, damit wir vor unseren Nachkommen moralisch bestehen können. Alle Theater und Kuturinstitutionen werden geschlossen. Dagegen fordert Kickl und mit ihm die ganze FPÖ die Ermöglichung eines Schießeinsatzes gegen Flüchtlinge an der österreichischen Grenze.

In Österreich gibt es den ersten Toten, der Corona Positiv war. Ab kommenden Montag sollen die Schulen geschlossen werden. Es wird dringend davor gewarnt, Großeltern zur Betreuung heranzuziehen, da ältere Menschen die gefährdetste Gruppe sind. Schön langsam bekomme ich ein wenig Angst wegen meines unbekümmerten Umgangs bei der Armutskonferenz und meiner engen Kontakte zu Heidi, die vor der Armutskonferenz noch mit vielen Menschen beim Schifahren in Südtirol dicht gedrängt in Seilbahnen gefahren ist. Ich beobachte mich – Kopfweh? Husten? Alles was ich sonst nicht beachte wird ängstlich registriert.

 

13. März

Freitag der 13. Das Paznauntal und St. Anton werden unter Quarantäne gesetzt. Dort hat man sichtlich viel zu lange den Tanz um das goldene Kalb nicht sein lassen können und ausgehend von einer Bar viele Menschen in ganz Europa angesteckt. Die Verbreitung dieses heimtückischen Virus hat einen anderen Verlauf als sonstige Krankheiten. Er nimmt seinen Ausgang vom globalen „Jetset“. Kreuzfahrtschiffe, Tourismuszentren, Handelszentren wie die Lombardei, sind Ausgangspunkt und Zentrum.

Nun sollen auch Restaurants geschlossen werden, vorerst nur abends, was immer das für einen Sinn haben sollte, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle sperren. Ab Montag sollen auch alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte schließen.

Nun gibt es einen Run auf die Supermärkte. Ich finde keinen Parkplatz, da auch die Behindertenparkplätze von sichtlich nicht Behinderten vollgeparkt sind. Die Einkaufswagerln sind vollbeladen und man staunt, was da gehamstert wird. Gebinde mit Coca Cola, Klopapier, Inzersdorfer-Dosen, die schon Jahrzehnte ein stiefmütterliches Dasein fristen, füllen die Körbe. Wer wird all die Gefüllten Paprika, Gulaschsuppen, Ravioli essen? Diese irrationalen Handlungen machen mir Angst. Was wird sein, wenn die Krise wirklich länger und intensiver wird? Was wird die Oberhand gewinnen? Die Solidarität oder die Egozentrik? Leider wurde in den letzten Jahren mehr das „jeder ist sich selbst der Nächste“ als das „Miteinander und Füreinander“ gefördert. Aber das kann sich alles sehr schnell ändern. Jedenfalls wird jetzt auf einmal klar, wer die wirklichen „Leistungsträger“ sind. Z.B. die vielgeschmähten Supermarktkassierinnen. Ich habe diese Frauen und wenigen Männer immer schon bewundert. Wie sie gelassen mit den ihnen zugemuteten Verwirrungen um Kundenkarten, Rabattaktionen und diesbezüglichen Beschwerden umgegangen sind, das sollten mal die nachmachen, die sich diese verrückten Marketingschmähs haben einfallen lassen. Die Frauen und Männer an den Supermarktkassen, die Regalschlichterinnen und Auskunftgeberinnen sind die wahren HeldInnen in der „Hamsterschlacht“. Ich werde Zeugin eines verzweifelten Telefonats: “Bitte schau zu Spar, ob es noch Eier gibt, hier sind sie aus.“ Und tatsächlich die Regale sind gegen Mittag schon fast leer.

 

14. März

Ein traumhafter Frühlingstag. Angeblich sitzen viele Menschen noch einmal in den Schanigärten und füllen die Einkaufsstraßen, bevor am Montag alles zu ist. Auch die Grenzen werden geschlossen, Flugverkehr massiv eingeschränkt. Was wird aus den Menschen, die auf ihre 24-Stunden-Hilfen angewiesen sind? Wir haben sowohl unserer Putzfrau als auch der Betreuerin meines Mannes abgesagt – zu gefährlich. Werde ich es allein schaffen? Noch dazu wo Fawad als Supermarkt-Angestellter zu der gefährdetsten Gruppe gehört. Wir haben ihn deshalb gebeten, vorübergehend zu einem Freund zu ziehen, da ein gemeinsamer Haushalt wirklich leichtfertig wäre. Wir richten uns auf einsame Wochen ein.

 

15. März

Tochter und Schwiegersohn haben uns noch Proviant gebracht, unter meiner fernmündlichen Anleitung den Kompost umgesetzt und das Hochbeet befüllt, damit ich pflanzen kann und ein wenig so tue als wäre alles ganz normal. Wir telefonieren alle sehr viel miteinander, aber die Kinder schärfen uns striktes ein, uns an das „Ausgehverbot“ zu halten. Das schöne Wetter hilft da ein wenig. Früher als sonst üblich, erwacht der Garten und ich schneide die Rosen und entferne den Wintermulch. Ich bilde mir auch ein, mehr Vogelgezwitscher als in den letzten Jahren zu hören. Durch die Okkupation der Gegend durch Krähen und Elstern sind nämlich die Singvögel bei uns ziemlich dezimiert. Dafür haben sichtlich Wühlmäuse am Oleander genagt, er lässt traurig seine Äste hängen. Der Weinberg-Pfirsich Baum beginnt zu blühen. Ich bekomme Lust, mir Bärlauch vom Bisamberg zu holen, aber trau mich dann doch nicht.

 

16. März

Mein Handy ist voll mit Absagen von Veranstaltungen. Ich bin so froh, dass wir den ORF haben. Ö1 läuft den ganzen Tag, wie eigentlich eh immer, aber jetzt ist es besonders wichtig. Es wird jetzt hoffentlich niemand mehr daran denken, dem ORF die Gebühren zu streichen. Angenehm empfinde ich es auch, dass es im Fernsehen weniger Werbung gibt, aber wer wird die Einnahmen ersetzen? Die Ausgangssperre wird hoffentlich auch die Gratiszeitungen treffen, die man sich jetzt nicht mehr im Vorbeigehen mitnimmt und in der U-Bahn liest. Ich bin Gott sei Dank nicht in den sogenannten sozialen Medien, also bleibe ich auch von dem Schund der dort verbreitet wird, verschont.

 

17. März

Die EU schließt ihre Außengrenzen. Die Schigebiete sind alle geschlossen. Österreich holt seine 40.000 Urlauber heim. Im Flüchtlingslager auf Lesbos stirbt bei einem Großbrand ein Kind. Das Elend dort gerät in Vergessenheit – was ist, wenn dort die Viruserkrankung ausbricht? Der Regierung wird bezüglich der Beschneidung der Grundrechte kritisch auf die Finger geschaut. Denn trotz Ausnahmesituation muss die Verhältnismäßigkeit und die Informationsfreiheit gewahrt bleiben. Ich würde am liebsten täglich zum St. Ibiza beten. Ohne die Veröffentlichung der einschlägigen Videos durch die Süddeutsche Zeitung hätten wir jetzt eine Sozialministerin Hartinger-Klein und vor allem einen Innenminister Herbert Kickl. Nicht auszudenken!  Österreich wäre ein anderes Land und es ist bedrückend, dass so viele so lange bei dieser rechts-rechten Regierung mitgemacht haben. Für Kurz und seine jungen Männer und Frauen gilt der Spruch: „Hier stehe ich, ich kann auch anders“. Haben sie am Beginn der Krise noch massiv ihre Marketing-Strategie gefahren und den Gesundheitsminister an den Rand gedrängt, ist ihnen jetzt der Ernst der Lage bewusst geworden. Sie wirken insgesamt seriöser.  Bei Rudi Anschober fühle ich mich gut aufgehoben.

Auch die beiden Pseudoregierungschefs Trump und Johnson schwenken jetzt um. 250.000 Tote, die es durch eine sogenannte „Herdeninfektion“ in England geben würde, kann nicht einmal dieser Politclown durchstehen. Nur der kriminelle Bolsonaro in Brasilien leugnet nach wie vor das Problem. Unter dem Schutzschirm verminderter Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit kann er außerdem seinen Krieg gegen die indigene Bevölkerung im Amazonasgebiet ungestört führen.

Unser syrischer Untermieter fragt an, wie es uns geht und ob er uns helfen soll. Dann rückt er damit heraus, dass er vielleicht die Miete nicht bezahlen kann, weil er in der Pizzeria nichts mehr verdient.

 

18. März

Es herrscht Empörung über den Umgang mit der Krise in Tirol. Der Gesundheitslandesrat hatte im Fernsehen 11 mal behauptet, Tirol hätte alles richtig gemacht, obwohl aus Island schon am 5. März eine Warnung kam, dass sich Touristen in Ischgl angesteckt hätten. Am Freitag den 13. wurden dann die Touristen mehr oder weniger aus Ischgl hinausgeschmissen, obwohl sie erst Samstag oder Sonntag einen Flieger hatten. Da herrschte sichtlich die Angst vor, diese Menschen ev. 14 Tage in Quarantäne gratis durchfüttern zu müssen.  Gastfreundschaft, Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent schaut anders aus – also wie schon gesagt, derzeit zeigen sich die wirklichen Leistungsträgerinnen. Heute hätte der Finanzminister seine Budgetrede halten sollen, mit der stolzen Verkündigung der großen 0 – zumindest das ist uns erspart geblieben. Dafür hat sich unser unsäglicher Nationalbank-Gouverneur Holzmann gemeldet, mit der Kernaussage „Nur überlebensfähige Firmen sollen überleben“ und er sieht in der Krise „Reinigungskräfte“ wirksam. Sozialdarwinismus vom Feinsten. Wie kommt ein Mensch mit null Sozialkompetenz und einem sichtlich sehr eingeschränkten Wirtschaftswissen in eine solche Position? Ich möchte garnicht wissen, welchen Schaden er in der Weltbank, seiner früheren Arbeitsstelle angerichtet hat. Aber leider ist er nicht der Einzige, den uns die türkis-blaue Regierung in verantwortungsvolle Ämter geschwemmt hat. An diesem Erbe werden wir noch lange kiefeln. 

 

19. März

Die Regierung stellt 38 Milliarden € zur Wirtschaftsstützung zur Verfügung. Arbeitslosigkeit soll massiv bekämpft werden. Kurzarbeit wird sehr attraktiv gemacht. Es ist ja alles so relativ. In der Krise bewähren sich die Sozialpartner und die Realisten. Das unsägliche 0-Defizit wird als das entlarvt, was es immer schon war – eine ideologische 0-Nummer. Kurz spricht davon, Arbeitslosigkeit vermeiden zu wollen, koste es was es wolle. Nach 55 Jahren hat also Kreisky doch noch recht bekommen mit seine größeren Sorge vor Arbeitslosigkeit als vor Schulden und das gerade von einer Partei, die mit der sogenannten „Schuldenpolitik“ Kreiskys eben genau diese 55 Jahre lang politisches Kleingeld gemacht hat. Ein großes Problem wird es zunehmend, dass wir in Österreich die Versorgung  pflegebedürftige Menschen von Frauen aus unseren östlichen Nachbarstaaten abhängig gemacht haben – die dürfen derzeit zwar noch nach Hause, aber nicht mehr herein. Was das für unser Pflegesystem und auch für die Frauen heißt, die großteils mitsamt ihren Familien ohne Einkommen dastehen, ist nicht abzusehen.

Trotz allem genieße ich die Ruhe. Kaum Autoverkehr, die Luft ist rein. Sogar die Kaffeerösterei in meiner Nähe hat sichtlich die Produktion runtergeschraubt, es riecht nicht mehr nach verbranntem Kaffee.

 

20. März

Angeblich der letzte schöne Tag für längere Zeit. Ich genieße ihn noch im Garten und grabe um und pflanze und hoffe, dass es nicht allzu kalt wird. Die Restriktionen werden immer strenger. Flugzeuge bleiben am Boden. Aus Italien kommen schreckliche Bilder vom überforderten Gesundheitssystem. Wie oft mussten wir hören, dass unser Gesundheitssystem zu teuer ist, dass wir zu viele Spitalsbetten hätten. Es hat aber auch unser Gesundheitssystem unter der neoliberalen, für die Care-Wirtschaft in keiner Weise passenden, Effizienzhysterie gelitten. Ich hoffe, dass die Strukturen noch halten und die Menschen, die in unserem Gesundheitswesen arbeiten, großteils gesund bleiben. Mein Mann und ich haben nur virtuelle Sozialkontakte – die aber doch ziemlich intensiv. Schulen bleiben bis nach Ostern zu. Die Familie einer meiner Töchter ist ziemlich gefordert. Sie haben ein Gastkind aus Mexico und eines aus den USA. Die Mexikanerin sollte eigentlich mit Hilfe der Austauschorganisation nach Hause fahren, aber weder sie noch ihre Mutter wollten das, weil das mexikanische Gesundheitssystem viel schlechter als das österreichische ist. Der amerikanische Freund hätte jetzt sowieso Schwierigkeiten einen Flug zu bekommen, aber er möchte auch in Wien bleiben. Also haben sie eine internationale WG mit homelearning und vor allem sehr viel sozialem Lernen.

Auf Lesbos hat ein Flüchtlingslager gebrannt, ein Kind ist tot. Die  Schande, dass wir die Menschen dort nicht rausholen, wird uns verfolgen, wie die Generationen vor uns die Unterlassungen in der Nazi-Zeit.

 

21. März  

Wetterumsturz. Jetzt sind wir wirklich ans Haus gefesselt. Die Kinder stellen mir den Einkauf auf den Gartentisch und ich ihnen Bücher, für die sie jetzt mehr Zeit haben werden. Angeblich kotrolliert die Polizei jetzt vermehrt, ob sich jemand unbefugt auf den Straßen aufhält – die Grenzen zum Überwachungsstaat sind fließend, da werden wir aufpassen müssen, wenn der Spuk vorbei ist. Es wird ernst mit dem Runterfahren des öffentlichen Lebens. Meine Tochter schließt ihre Physiotherapie Praxis, meine Schwiegersöhne haben als im alternativen Bereich tätige Architekten und Anwälte kaum Klienten, kein Einkommen, aber alle haben Kosten und teilweise auch Angestellte, für die sie sich etwas überlegen müssen. Meine zweite Tochter hofft, dass sie in Kurzarbeit gehen kann, sonst wird es eng bei ihnen. Jetzt merken wir erst, wie fragil unser System ist und wie wichtig der Sozialstaat. Alle, die ständig nach mehr Privat und weniger Staat rufen, werden eines besseren belehrt – aber diese Personen sind ja meist auf abgesicherten, teilweise vom Staat finanzierten Positionen.

 

22. März

Die Marillenblüten sind wahrscheinlich dem Nachtfrost zum Opfer gefallen. Seit sie 14 Tage zu früh begonnen haben auszutreiben, habe ich das befürchtet. Dabei waren die Blüten so üppig wie bisher noch nie.

Kardinal Schönborn hat in der Pressestunde sehr deutliche Worte zur Relativierung unseres Lebensstils gefunden und überhaupt ziemlich klare Worte gesprochen. Heute würde normalerweise noch in vielen Kirchen für Projekte des Familienfasttags gesammelt und Benefiz-Suppen ausgeschenkt. Das muss jetzt wohl alles unterbleiben. So sind auch Menschen in den Dörfern Indiens, Afrikas und Lateinamerikas Opfer der Corona Krise. Es wird sowieso so sein, dass die armen Menschen mehr unter der Krise leiden werden, als die gut gestellten. Schon allein in Zeiten wie diesen einen Garten zu haben, macht einen enormen Unterschied. Ich kann es mir noch immer nicht vorstellen, wie wir heuer Ostern feiern werden, ohne Osternachtsfeier, die auch für mich ein spiritueller Höhepunkt ist und auch ohne mit Familie und Freunden beisammen zu sein.

Kinder und Enkelkinder haben für Nachmittag eine Konferenzschaltung gemacht. Es war schön, sie alle zu sehen. Sie haben auch erzählt, wie es in ihren diversen Studien- und Arbeitsbereichen aussieht. Die Professoren an den Unis gehen sehr unterschiedlich mit der Betreuung ihrer Studis um. Am Juridikum erweisen sich einige da sichtlich als sehr wenig kompetent und auch lustlos in der digitalen Handhabung.  Auch hier zeigen sich in der Krise die echten „Leistungsträger“.

Wir schauen alte Videos von unseren Kindern und können  kaum glauben, dass das alles schon so lange her ist. Mit Freundinnen und Freunden halten wir derzeit mehr Kontakt als sonst und führen lange Telefonate wie früher, als es noch keine Computer gab und alles noch  über das Festnetz ging. Am Handy werden Mutmacher-Videos ausgetauscht und auch einiges an Geblödel.

Ich stelle fest, dass ich eigentlich keine Angst habe. Nur manchmal beschleicht mich die Sorge, dass mein Mann eventuell stürzen könnte oder sonst irgendwie erkrankt, denn das letzte was ich jetzt aufsuchen möchte, wäre ein Spital. Ich bin nun stolze „Systemerhalterin“ ohne jede zusätzliche Unterstützung. Seit meiner Jugend habe ich auch erstmals wieder ein eignes Einkommen – mein Mann hat Anspruch auf Pflegegeld Stufe 5. Ich erlebe jetzt selbst, womit ich mich auch theoretisch seit Jahrzehnten auseinandersetze: die elementare, lebenserhaltende Bedeutung der häuslichen Care-Arbeit, die nie wirklich finanziell abgegolten werden kann, die aber in Zukunft in ihrer Bedeutung gesehen werden und anders verteilt, bewertet und organisiert werden muss.

 

23. März

Es ist so kalt, wie den ganzen Winter nicht. Hilde Wipfel ist in Uganda und weiß nicht, ob und wie sie zurückkommen kann. Auch dort kommt das öffentliche Leben zum Erliegen, aber es ist nicht auszudenken was passiert, wenn dort das Virus wirklich zuschlägt. Ich denke auch an meine Schulfreundin Traudl Tremmel, die als Ordensfrau auf einem Gesundheitsstützpunkt in Uganda arbeitet – ich hoffe wirklich, dass sie von all dem verschont bleiben. Ich habe Probleme mit dem home-banking und bin 1 ½ Stunden in der Leitung gehangen, um eine Hilfestellung zu bekommen. Unsere Bankfiliale hier hat übrigens zugesperrt. Da wird am Rücken des Virus Systembereinigung betrieben. Einer unserer Freunde ist schwer erkrankt und liegt im Spital ohne Besuch bekommen zu können. Ohne Handy wäre das schwer zu ertragen. Die digitale Welt zeigt derzeit ihr ambivalentes Antlitz.

 

24. März

Eiskalter blauer Himmel. Es wirkt alles ein wenig apokalyptisch. Die Altstadt von Zagreb ist von einem Erdbeben ziemlich zerstört. Orban will Notstandsgesetze erlassen, die ihm unbeschränkte Macht ohne Parlament einräumen würden – und die EU schweigt dazu. Trump und Johnson schwenken um, und erlassen jetzt auch massive Beschränkungen. In Österreich sollen ehemalige Zivildiener den Ausfall von Pflegekräften entschärfen. Milizsoldaten werden einberufen. Das ist kein Krieg, wie Trump es bezeichnet, sondern die Mobilisierung der bürgerlichen Kräfte in einer Demokratie. Meine Enkeltochter, die die 7. Klasse in Ecuador besucht hat, wird nun auch die 8. Klasse nur teilweise absolvieren. Der Maturatermin ist verschoben – man wird sehen. Es erinnert mich ein wenig an die Geschichte meines Mannes, der nach dem Krieg ein Jahr zur Erholung in Portugal war und danach vormittags die 3. und nachmittags die 4. Volksschulklasse absolvierte – mit abschließender Aufnahmsprüfung ins Gymnasium.

 

25. März

Die Marillenernte bei uns im Garten ist nun endgültig dahin. Aber ich muss ja nicht davon leben, aber die Obstbauern, die nachts räuchern und die Bäume besprühen und wahrscheinlich wenig Erfolg haben, sind wirklich arm. Es zeigt sich auch, dass unser Spargelgenuss von schlecht bezahlten Saisonarbeitern aus dem Osten abhängig ist – und sie können heuer nicht kommen. Die internationale Wertschöpfungskette, die uns so billige Produkte bescherte, ist zerrissen – Zeit umzudenken. Ich erinnere mich noch, dass immer gesagt wurde, gegen den Klimawandel kann man keine Verbote erlassen, nur Anregungen – jetzt auf einmal geht es ganz flott auch mit Verboten.  Es bleibt nur der Schluss, dass die Politik den Klimawandel nicht ernst genommen hat. Interessant ist auch, dass Emmanuel Macron, ein Vertreter der Mainstream-Politik kürzlich äußerte: „Kostenlose Medizin und Sozialstaat sind keine Kosten und Lasten, sondern unverzichtbare Güter. Diese Pandemie hat deutlich gemacht, dass es Leistungen gibt, die außerhalb der Marktgesetze gestellt werden müssen.“ Wir Frauen vom Verein JOAN ROBINSON predigen das ungehört schon seit Jahrzehnten. Ich habe nur einen Vorbehalt gegen Macrons Aussagen. Es gibt ganz sicher keine „Marktgesetze“, denn der Markt ist keine gesetzgebende Institution.

 

26. März

Gestern hatten wir abends im Fernsehen wieder ein Erlebnis der anderen Art. Der Chef der Wiener Börse Christoph Boschan erklärte die manisch depressiven Schwankungen am Börseparkett. Es ist nämlich so, dass nach dem enormen Absturz die New Yorker Börse das höchste Wachstum an einem Tag hatte, sie schnellte um 11% in die Höhe. Grund dafür dürften die 2 Billionen Dollar Unterstützung sein, die Trump verkündet hat. Da kann dieser Herr noch so lange versuchen, das alles zu erklären, das Börsegeschen wird daadurch nicht vernünftiger und vor allem zeugt es von einer eingeschränkten intellektuellen und ethischen Verfasstheit der dortigen Akteure. Davon zeugte auch Herr Boschan persönlich. Trat er doch dafür ein, dass die Dividendenauszahlungen an die Aktionäre jener Betriebe, die jetzt enorme staatliche Unterstützung bekommen, nicht gekürzt werden sollten. Er rechtfertigte das damit, dass ja das Geld, das der Staat verteilt, von den Steuern jener Menschen käme. Ist er so dumm, oder weiss er wirklich nicht, wie sich das Steueraufkommen Österreichs zusammensetzt? Das allerwenigste kommt von den wirklich Reichen und aus Kapitalerträgen. Das meiste trägt die Mehrwertsteuer bei, die Arme und Reiche gleich bezahlen, und der nächst höhere Beitrag sind die Lohnsteuern. Allein die Art zu sprechen und seine Körpersprache diskreditierten diesen Vertreter der Hochfinanz. Werden in Zukunft noch mehrere solcher ehemaliger „Leistungsträger“ öffentlich ihren Offenbarungseid leisten.

Spanien ist nun Hotspot der Krise. Hier zeigt sich deutlich, welche Blutspur die Finanzkrise 2008 hinterlassen hat. Das privatisierte Gesundheits- und Pflegewesen ist nicht imstande, in der Krise angemessen zu agieren. Pflegeheime, die von Investitionsfonds mit Gewinnabsicht installiert wurden, lassen die Menschen dort unbetreut sterben.

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