Pfarre neu

Slowakei – Wie nach der konstantinischen Wende

Bratislava-Rusovce Pfarrer Prachar über Kinder – Visionen – Dialog, Licht und Salz sein

„Die Leute leben wie nach der konstantinischen Wende. Am Land wurden sie mit der Religion geboren, hier müssen sie die Religion wählen“, sagte Július Marián Prachár, der Pfarrer von Bratislava-Rusovce, zum Thema „Was Pfarren lebendig macht“ am Beispiel seiner Pfarre vor rund 30 Personen am 29. November 2017 im Otto Mauer Zentrum auf Einladung des Forums Zeit und Glaube-KAV, des Netzwerkes: zeitgemäß glauben und der Österreichisch-Slowakischen Woche von KA und KBW.

 

In einer Wüste anfangen

„Wir haben eine atomisierte Gesellschaft in Rusovce. Die Leute leben wie in einem Hotel“, berichtete Prachár, der nach zahlreichen Kaplans- und Administratoren-Aufgaben mit über 60 Jahren seit 2009 nun erstmals Pfarrer ist. Der Ort ist erst 1947 zur Tschechoslowakei gekommen, war von Ungarndeutschen bewohnt, hatte 2-3000 Einwohner und hat jetzt etwa 6000 Einwohner.

 

„Ich bin fast in eine Wüste gekommen, musste mit allem anfangen, mit der Infrastruktur, der Pastoral. Die Kirche war lange Zeit wenig benützt, das Pfarrhaus eine Ruine. Viele Gläubige sind wo anders zu Hause“, führte er weiter aus. „Wenn ich zu ihnen reden soll dann reicht mir das nicht, sie müssen auch mit mir reden. Dazu brauchen wir einen Raum. In der Kirche können wir die Mystik pflegen, wir müssen aber auch nachher bei der Agape reden können“. Aus dieser Überlegung entstand durch den Verkauf von Feldern und unter Mithilfe der Bevölkerung in sieben Jahren das Pfarrzentrum als Ort des Dialoges. Darunter wurde das römische Lager Gerulata vermutet. „Die Geschichte muss sich mit heute verbinden“, ist Prachár überzeugt. „Das Pfarrhaus soll ein ähnliches Niveau haben wie die Villen der Umgebung, die Leute sich nicht schlechter fühlen wenn sie die Pfarre besuchen“, war der Anspruch. „Durch die verschiedenen Personen und Situationen erlebte er die Aufforderung, immer neu und anders über Christus zu reden“, legte er dar.

 

Die nächste Aufgabe war die Renovierung der Kirche Maria Magdalena mit dem Hl. Anna Nebenaltar, der Krypta, in der Angehörige der Grafenfamilie Zichy bestattet sind, von Dach, Turm und Orgel. Mit der Frage „Werde ich auch tot sein“ wurde die Mutter nach einem Kyptabesuch „von dem Kind aufgefordert auf theologische Fragen zu antworten“, erzählte Prachár. Für die Dachrenovierung hat die Pfarrgemeinde 90 000 € aufgebracht, die politische Gemeinde war auf 240 € „stolz“.

 

Kinder – Visionen – Dialog

„Statt in die Steine in die Beine investieren“, die Umsetzung dieses Zulehner Impulses war „am leichtesten durch die Kinder“, so Prachár, von denen er bald 15 im Pfarrzentrum hatte. Mittlerweile machen „unsere Kinder ein Apostolat zu Hause“, wenn sie z.B. beim Essen laut „und beten“ fragen. Für die Kinder gab es eine Gartenumgestaltung des „vom Dschungel zum Spielplatz“. In Wien hatte er die Einladung zum Pfarrcafe erlebt. “Ich bin froh, dass ich einen Pfarrgemeinderat habe. Die Mitarbeiter sprechen viele Bewohner an“, erzählte er. Es gibt verschiedene Veranstaltungen zum Kirchenjahr, Feste. Die Sängerknaben aus Bratislava, von denen manche Kinder aus Rusovce sind, kommen manchmal auf Besuch. Die Leute haben verschiedene Aufgaben. In der Garage gibt es eine „lebendige Krippe“. „Es gibt die Vision, die Kirchenentferntesten zu erreichen. Eine Pfarrgemeinde, die keine Visionen hat stirbt aus“, sagte Prachár. Nun wird ein neuer Kindergarten „für 40 Kinder projektiert“, für den es bereits Interesse von über 60 Kindern gibt. Geduldig warten sie noch auf dem Zuschuss vom Landwirtschaftsministerium, das die Hälfte zusagte.

 

Weiters gibt es das Projekt Kirche St. Vitus mit Fundstücken aus dem 2., 6. und 8. Jahrhundert nach Christus, Romanischen -, Spätgotischen - und Renaissance-Fenstern. „Wir wollen alle drei öffnen. Geplant ist ein Cafe, eine Galerie für Künstler, Musiker-Auftritte, eine Extra Arbeitsstelle um unter die Leute zu kommen. Religiöse Themen sollen unter die Leute kommen“. Ein Spiritus St. Vitus oder Hl. Magdalena eröffnen weitere Dialogmöglichkeiten, so Prachár.

 

Mit dem Hinweis: „Sie machen etwas für sich, für die Gemeinde, für die Kinder; Was machen sie für uns“, war das Projekt Dreieck SK – A – H schnell in Prachárs Fokus. „Die Geschichte ist gleichzeitig Gegenwart. Man darf die Vergangenheit nicht vergessen“. bekräftigte er, denn „Nationen, die die Vergangenheit vergessen, sind in der Gefahr, dieselben Fehler nochmals zu machen“. Daher soll die nächste Generation „nicht nur zu lesen, sondern etwas zum Anfassen haben“. In Tschechien gibt es bereits zwei so Museumsprojekte, eines in Nove Hrady, weiß Prachár.

 

Die Aufarbeitung der Geschichte hat längst begonnen. Die am Eisernen Vorhang Erschossenen sind eine Tatsache. „Das war der Befehl des Staates, dem muss man gehorchen“, sagen die einen. „Nein, wir haben ein Gewissen“, die anderen. Dahinter gab es eine „weiche Bewachung“ mit einer „Olympiade, wer hat mehr anzeigt“. Prachár weiß: „Es gibt viel mehr Opfer auf Seite der Soldaten. Die haben sich selbst erschossen“. Er ergänzt: „Man darf nicht Befehlen der Totalität gehorchen, menschliches Leben ist mehr zu schätzen“. So kommen die Lebensfragen der Menschen ins Gespräch. „Es ist wichtig sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Das alles ist eine Gegenwart“.

 

Licht und Salz sein

In der anschließenden Diskussion sprach Prachár die „neuen Götzen“ an, Menschen die ihre „wertvollsten Erlebnisse bei der Grillparty“ machen, in Villen leben, sich ab kapseln, wo Einkaufen „eine Ersatzbefriedigung“ ist. „Wir haben 2000 Jahre Erfahrung mit dem Feiern“ streute er beiläufig ein. „Wir haben Wellness gefunden in der Demokratie, haben Erfahrung mit dem Eigentum gemacht“ und zitierte einen Besucher mit: „So viele teure Autos wie ich hier in 15 Minuten sehe, sehe ich in Wien nicht in einer Woche“. Bert Brechts These „nach dem Fressen kommt die Moral“ hat er als Vision übernommen. Seine praktischen Erfahrungen gehen in diese Richtung. Hinter der Frage warum die Menschen ihre Kinder taufen lassen tickt die Vorstellung: „Was gebe ich meinem Nachfolger mit. Häuser? Geld? Urlaub?“

 

Offen thematisierte Prachár, als Pfarrer müsse er „auch verwalten. Kirche und Gesellschaft sind ängstlich. Wir sollen nicht Sicherheit vom Staat erwarten“. Dann fügte er dazu: „Wir haben Aufgaben, die wir vergessen haben, Licht und Salz der Welt zu sein. Die Atheisten sind ausgestorben. Wir haben Gläubige und Ungläubige. Viele glauben, etwas zwischen Himmel und Erde muss sein. Wir haben Apathisten, die haben Lust am Leben“. Daher sei es „eine Aufgabe, wie kann man Leute stören, damit sie wieder zu Gott kommen“.

 

„Warum kann sich die Gesellschaft nicht mit der Korruption auseinandersetzen“, fragte Prachar. Die Absetzung von Erzbischof Bezak „wurde dem Volk und den Gläubigen nicht erklärt. Das ist gegen das Evangelium“. Doch die „Wahrheit rettet euch“. Wir sind „noch nicht reif“, lies er durchblicken und fragte: “Wie verstehen wir Autorität bei uns. Sie sollen uns dienen“. Er zitierte die Aussage des bekannten slowakischen Dissidenten Anton Srholec „Verzeihen, aber nicht vergessen“. Zum Aufruf des Papstes Flüchtlinge aufzunehmen, sagten die Pfarren ja, erzählte er, doch es ging „wegen der staatlichen Gesetze nicht“. Prachár resümierte: „Ich haben einen ordentlichen christlichen Dialog nur im Ausland erlebt“.

 

„Ich bin begeistert“, gab ein Besucher spontan nach dem Vortrag von sich. Ein anderer war sehr angetan davon, „wie respektvoll“ hier über Autoritäten geredet wurde. „Wir sind dankbar, dass uns Österreich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs angenommen hat. Prof. Zulehner hat offene Arme gehabt“, betonte Prachár eingangs, nachdem er vom KAV-Vorstandsmitglied Hans Kouba begrüßt worden war. Franz Vock vom Team der Slowakisch-Österreichischen Woche moderierte den Abend. Und bei der Agape wurde der Erfahrungsaustausch zwischen den VertreterInnen verschiedener Kulturen und Länder ausgiebig fortgesetzt.

 

Franz Vock

 

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