Dienstag 12. Dezember 2017
Gesellschaft

Die 3. Generation der jüdischen Bevölkerung findet wieder nach Kittsee

Den Spuren der Erinnerung einst jüdischen Lebens ging die Mechaye Hametin Gedenkfahrt des Katholischen AkademikerInnen Verbandes Wien (KAV) am Österreichischen Nationalfeiertag, Donnerstag 26. Oktober 2017, in Kittsee, Rusovce und Tyrnau in der Slowakei nach.

 

Besuch im Burgenland und der Slowakei.                                       Foto: Franz Vock

 

Das Schiff auf der Donau

„Ich freue mich dass die 3. Generation der jüdischen Bevölkerung den Weg wieder hierher nach Kittsee findet“, sagte die pensionierte Hauptschuldirektorin Irmgard Jurkovich im Gasthaus Leban, die darauf bestanden hatte, die über 50 BesucherInnen im alten Teil des Gasthauses treffen zu können, der „zur Erinnerung“ an die jüdischen Vorbesitzer so belassen worden war. In ihrer Jugend hatte sie „nie über den Holocaust etwas gehört“. Dank eines „hervorragenden Geschichtslehrers“ und einiger anderer Umstände begann sie im Schuljahr 1981/82 mit dem ersten größeren Projekt „Dein jüdischer Nachbar“ in Kittsee die lokale jüdische Geschichte mit SchülerInnen aufzuarbeiten.

 

Bereits im 17. Jahrhundert gab es eine jüdische Gemeinde in Kittsee, die bald zu den Fürstlich Estherházyschen „Sieben-Gemeinden“ des Burgenlandes gehörte. 1821 erreichte sie mit 789 Personen jüdischen Glaubens den Höchststand. Infolge der Abwanderung aus ökonomischen Gründen sank sie im Jahr 1934 auf 62 Personen. Nachdem die Gestapo am 16. April 1938 alle Juden und Jüdinnen aus Kittsee aus ihren Betten holte und sie Monate in den Donauauen im Dreiländereck Ungarn-Tschechoslowakei-Deutsches Reich ausharrten, gelang es dem Vizepräsidenten der Orthodoxen-Israelitischen Kultusgemeinde Preßburgs, Aron Grünhut, die nötigen Reisedokumente zur Flucht zu besorgen. Wie viele die Shoah nicht überlebt haben ist nach wie vor nicht bekannt.

 

Aron Grünhut hat im Buch „Katastrophenzeit des slowakischen Judentums“, Selbstverlag, 1972, und der jüdische Arzt, Kommunist und Erfolgsautor Friedrich Wolf in „Das Schiff auf der Donau. Ein Drama aus der Zeit der Okkupation Österreichs durch die Nazis“ diese Ereignisse verarbeitet. Jurkovich erzählte viele Zeugnisse friedlichen Zusammenlebens aus den vergangenen Jahrhunderten, hat mit 2 Klassen den Hauptpreis für eine Woche Israel Reise und einem Besuch in Yad Vashem gewonnen und organisiert bis heute jährliche Gedenkveranstaltungen in Kittsee. Mit ihren 77 Jahren führte uns das Energiebündel auf einem Rundgang an Gedenktafeln und Wohnhäusern ehemaliger jüdischer Bürger vorbei zum jüdischen Friedhof bei der „Alten Burg“, sucht aber „vergeblich einen Nachfolger“.

 

Von Interkonfessioneller Gedenkstätte bis zur Galerie

In Rusovce/Karlburg, einem Stadtteil von Bratislava, wo es eine eigenständige Gemeinde mit jüdischer Vergangenheit gab, erzählte der alteingesessene Jozef Mallinerits an Hand des Projekts „Interkonfessionelle Gedenkstätte“ in einer katholischen Kirche, die auf dem Fundament eines römischen Wehrturms mit Gräberfunden aus dem 2. und 3. Jhdt und dem Mittelalter erbaut wurde, von seinen jahrzehntelangen Recherchen, den zusammengetragenen jüdischen Grabsteinen und der Bedeutung der Grundherren von Karlburg, den Grafen Zichy.

 

In dem im 4. Jhdt von Slowaken, im 13. von Deutschen und im 16. von Ungarn besiedelten Trnava/ Tyrnau, die anschließend abwechselnd hintereinander jeweils eine Periode regierten, wohnten 1930 noch 2700 jüdische BewohnerInnen, erzählte Kvetka Viskupicova bei der Stadtführung. Die nach Plänen des Wiener Architekten Jakob Gartner (1861–1921) in den 1890er Jahren im Historismus-Stil errichtete Synagoge ist seit 1978 ein geschütztes Kulturdenkmal. 1993 von einer Galerie erworben, finden hier seit 1995 Ausstellungen in zeitgenössischer Kunst statt. Die in den 1880er Jahren errichtete Orthodoxe Synagoge wurde bis in die 1950er Jahre für Gottesdienste genutzt, war anschließend Lager und ist seit 1978 ein geschütztes Kulturdenkmal. Nach ihrer Renovierung wurde in der ehemaligen Synagoge ein Café eingerichtet, wo auch Kulturveranstaltungen stattfinden. Heute gibt es in keinem der drei Orte mehr eine jüdische Gemeinde.

 

erstellt von: red/Franz Vock                                      02.11.2017

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