Berichte

Über Slowakisch-Österreichische Verständigungsschritte

28. Slowakisch-Österreichische Seminar- und Kulturwoche behandelte kulturelle, religiöse und politische Quellen zum Leben

 

Zu einer Verständigung in kulturellen, religiösen und politischen Fragen über nationale Grenzen hinweg wurde die 28. Slowakisch-Österreichische Seminar- und Kulturwoche mit dem Thema „Aus welchen Quellen leben wir?“ vom 29. Juli bis 4. August 2018 in Belušske Slatiny bei Beluša in der Nordwestslowakei. Rund 60 TeilnehmerInnen aus drei österreichischen und mehreren slowakischen Diözesen nahmen auf Einladung vom Forum Katholischer Erwachsenenbildung, des Katholischen Bildungswerks Wien, der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien und des Inštitút Svätého Františka Salezského pre výchovu a vzdelávanie daran teil.

Innere Wahrheit befreit

„Jede Krise kann in ein persönliches Wachstum münden, wenn sie gut entdeckt wird und wir mit einer guten Therapie die Wahrheit erkennen. Die innere Wahrheit bietet uns die Wege an, wie wir unsere Pfade weiterführen sollen“, sagte der Generalvikar der Diözese Nitra und Spiritual am Priesterseminar, Peter Brodek, bei seinen „Weg zum Leben – Innere Heilung“ Ausführungen. „Es ist notwendig, die Wahrheit über uns zu erkennen, denn die Wahrheit kann uns befreien. Das ist der erste Schritt um unsere inneren Verletzungen bewältigen zu können“, bekräftigte Brodek.

 

Da die somatische, psychische und spirituelle Seite einander beeinflussen, sei zur Erlangung von Heilung die Zusammenarbeit von Arzt, Psychotherapeuten und Seelsorgern wichtig, sagte Brodek. Dabei helfen Haltungen wie Gebet, Vertrauen, Demut, Gehorsam, Friede, den gegenwärtigen Augenblick leben, innere Freiheit und Dankbarkeit. Als zur Heilung helfende Instrumente sieht Brodek das Gebet und die Sakramente der Versöhnung, der Eucharistie und der Krankensalbung.

 

Gebet als Tankstelle der Seele

Das Gebet als Tankstelle der Seele erfrischt und „bringt uns lebendiges Wasser“, sagte Diakon Rafael Ambros aus Brezno/Sk. Unsere Freundschaft mit Gott sei aber „oft funktionalisiert. Wir beten zu ihm weil wir ihn brauchen. Wenn wir Heilung erlebt haben ist die Freundschaft beendet“. Christus biete uns jedoch „eine Freundschaft an, die auf der Liebe gegründet ist“, wofür Gott seinen eigenen Sohn hingab. „Von Gott her gibt es keine Hindernisse, die Hindernisse gibt es von uns her“, so Ambros.

 

Ziel des Gebetes, das ein Bedürfnis, aber keine Technik sein solle, sei „eine persönliche Beziehung mit Gott. So wie wir uns nach der Luft sehnen, sollen wir uns nach Gott sehnen“, sagte Ambros. „Gott hört mich und er antwortet mir“. Er hört und liebt uns, gibt uns „was wir brauchen“. Ein Problem der heutigen Zeit sei aber, wir nehmen uns keine Zeit dafür. Wichtig sei ebenso, dass jeder seine eigene Kommunikationsart finde. „Manche reden spontan mit Gott, andere brauchen Hilfsmittel wie Bibel, Lieder, liturgische Gebete, das Brevier, …. Der Heilige Geist spricht uns in der Stille an, bietet uns etwas an. Es hängt immer von uns ab ob wir es annehmen oder nicht“, so Ambros. Sehr wertvoll wurde anschließend auch der Austausch über Gebetserfahrungen in den Gruppen erlebt.

 

Kraftquelle Gott in der Eucharistie

Auf die Kraftquelle Gott in der Eucharistie wies der Theologe Manfred Zeller vom Katholischen Bildungswerk der Erzdiözese Wien hin: „Vieles, was wir im täglichen Leben tun und brauchen, können wir in der Messe üben und lernen: essen, reden, aufmerksam zuhören, singen, dienen, teilen, gesendet werden ...“, sagte Zeller, der diese Begriffe in Arbeitsgruppen erarbeiten ließ, wobei Zuhören die bestbesuchte war. Zeller führte erläuternd aus:

„Im Gottesdienst werden wir in besonderer Weise von Gott bedient, wenn wir uns auf ihn wirklich einlassen. Die vielen biblischen Zitate, die wir in der Messe hören und auch selbst sprechen, können so für uns zu einer Kraftquelle werden. Das beginnt, wenn wir bewusst im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes (Mt 28,19) anfangen. Wir werden begrüßt, wie Paulus seine Gemeinden ansprach (Röm 1,7 u.a.), loben Gott singend im Gloria und Heilig, mit denselben Worten wie die Engel im Weihnachtsevangelium (Lk 2,14) und bei der Berufung des Jesaja (Jes 6,3). Wir können beten wie König David in den Psalmen und vertrauensvoll Jesus um Heilung bitten mit den Worten des römischen Hauptmanns: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele (mein Diener) gesund! (Mt 8,8) Und schließlich erfahren wir, dass jede/r hochgelobt (gesegnet) ist der/die kommt im Namen des Herrn (Ps 118,26)“.

 

Befreiungserfahrungen

Zur Erfahrung der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens (Ex. 16,1-18) gestaltete die Pädagogin und Bibliodramaleiterin Traude Reinwein auf spielerisch ganzheitliche Weise einen Vormittag. Nach der persönlichen Auseinandersetzung der TeilnehmerInnen mit Gefühlen wie Hunger, Sorge, … oder Haltungen wie Vertrauen … und dem Austausch darüber in Kleingruppen konnte in einem zweiten Schritt jede/r eine Rolle für sich auswählen und die Erzählung vom Durchzug durch die Wüste durch Reflexion, Erfahrungsaustausch und pantomimisch auf neue eigene Weise erfahren.

 

Die Autorin Helena Opitz-Sokolová wies auf die Kraft des Geistes hin. Wir haben auf unsere Gedanken, Gefühle und unsere Taten zu achten. Es sei ein ständiger Dialog, die Gesundheit zu erhalten und den Weg zu finden. Selbst eine Krankheit mögen wir nicht als „unseren Feind sondern unseren Freund sehen“, der uns etwas sagen will. Da der breite Weg ins Verderben und der schmale Weg zur Errettung führe (Mt 7,13-14), müssten wir „wissen, was wir wollen. Jede/r arbeitet in jeder Minuten an seinem Schicksal und am Schicksal unserer Erde“, schloss Opitz-Sokolova.

 

Wolfgang Spitaler behandelte in seinem Impulsvortrag die Vater-Unser-Bitte „Vergib uns unsere Schuld“ – vom Umgang mit der aktiven Schuld bis zum persönlichen schuldig bleiben – und das Sakrament der Versöhnung, was die TeilnehmerInnen zu vielen persönlichen Beiträgen veranlasste.

 

Vom Bioklima-Park und sonstigen Kulturbesuchen

Über die Errichtung des Bioklima-Parks Drienova in Rajec, der zur Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit, der Verbesserung der Artenvielfalt und des Klimas beitragen will, informierte Geschäftsführer Ladislav Židek vor Ort. Das Projekt, wofür sich 20-25 Personen freiwillig engagieren, hält Kleintiere wie Enten, Gänse, Schafe, Ziegen, bietet Seminare und Kochkurse für SchülerInnen an, hat ökumenischen Charakter und verwendet das erworbene Wissen für den praktischen Wiederaufbau des geschädigten Landes während dem fortschreitenden Klimawandel – siehe https://biomasa.sk/index.php/hlavna-stranka/videozaznamy/331-331-ladislav-idek-v-relacii-doma-je-doma Auch die nach dem Anreger der Initiative Pater Anton Srholec (1929-2016) erbaute Einsiedelei am Rande des Parks hat mit der Familie von Antons Bruder lebendige Beziehungen und ergänzt sie.

 

Im einzigen Glasbläserei-Freilichtmuseum in der Slowakei Sklenný sen in der Gemeinde in Valaská Belá waren die dort auf das Jahr 1747 zurückgehenden traditionellen Methoden der Glasherstellung und –bläserei von Interesse. Ein Besuch im Museumsdorf Čičmany, wo ein Teil der Holzhäuser mit den weißen Verzierungen seit 1977 unter Denkmalschutz steht, rundete den Kulturtagesausflug ab.

 

Der Besuch mehrerer vom führenden Spezialisten Vojtech Behúl entwickelter Brückenkonstruktionen zeigte sein kreatives Potential . Bei einem gemeinsamen Kreuzweg in Ladce trugen Österreicher- und SlowakenInnen betend und singend ihre Anliegen zu dem im Steinbruch liegenden Heiligtum der Barmherzigkeit auf den Berg Butkov, das jüngst um eine auf einem Sockel befindlichen 6 Meter hohe Madonna erweitert wurde.

 

Beim Besuch im Kloster und Altenheim der Barmherzigen Schwestern in Belušske Slatiny und der nahe gelegenen Heilwasserquelle berichteten zwei der 500 in der slowakischen Provinz in 27 Häusern lebenden Schwestern von ihrer umfangreichen Arbeit mit armen und kranken Familien, was auch Gelegenheit bot, sich über konkrete Quellen und Glaubenserfahrungen auszutauschen. Am Kulturabend las Helena Opitz-Sokolová aus ihrem in Druckvorbereitung befindlichen Buch „Die sanfte Kraft des Geistes/Jemna sila Ducha Gedichte Deutsch und Slowakisch.

 

Großes politisches Interesse

Für die Slowakei war der „Verrat von München“ 1938 und die kommunistische Machtergreifung 1948 jeweils ein schwarzes Jahr, sagte Diakon Rafael Ambros bei einem Politischen Abend. In den folgenden 8er Jahren bewegte die Slowaken: 1958 Papst Johannes XXIII., 1968 Prager Frühling,  1978 Papst Johannes Paul II., Reagan, Thatcher, selbständige slowakische Kirchenprovinz, 1988 Kerzen-Demonstration, 1998 Meciar gefallen. Wolfgang Spitaler berichtete dabei über die Identitätsfindung Österreichs: War vor 1918 der Gegenstand der Identität der Kaiser, so war Österreich von 1918 – 1933 „der Staat den keiner wollte“. Heute bestehe die aktuelle Aufgabe Österreichs darin, „eine europäische Identität aufzubauen ohne die Österreichische zu verlieren“, sagte Spitaler.

 

Der Politikwissenschaftler Franz Vock sagte, nach der Auflösung der Monarchie 1918 und dem Anschlussverbot an Deutschland standen sich in der 1. Österreichischen Republik Nationalismus, Sozialismus und Antisemitismus unversöhnlich gegenüber, was in bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mündete. Die Ausbeutung der Emotionen führte zum „Anschluss“ und der Inhaftierung der politischen Elite. Dabei bezog die Kirche in vielen Fragen lange keine eindeutige Haltung. Kardinal Innitzers Worte an die Jugendlichen bei Rosenkranzfest 1938, „Euer Führer ist Christus“, hatten aber Wirkung, berichtete Vock.

 

Eine Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg wurde erst nach Kriegsende möglich. „Glaubt an dieses Österreich“, appellierte Bundeskanzler Figl in seiner Weihnachtsansprache 1945 an die Bevölkerung. Mit dem Mariazeller Manifest 1952 ging die Kirche zu den politischen Parteien auf Äquidistanz. Nach Ansicht von führenden Politikern wie Raab und Figl, die beim Rosenkranzsühnekreuzzug in vorderster Reihe mitgingen, trugen die Gebete der Tausenden Menschen um Frieden und Freiheit zur Freiheit für Österreich bei, sagte Vock.

 

Wie sehr es auf die Überzeugung einzelner Menschen ankommt zeigte sich 1968, wo Rudolf Kirchschläger als Österreichs Botschafter in Prag bei der Niederschlagung des Prager Frühlings mit der Ausstellung von Visas Tausenden Flüchtlingen den Weg in die Freiheit eröffnete. Menschen wie Erhard Busek knüpften ein beachtliches Beziehungsnetz, das zum Brückenbau auf verschiedenen Ebenen beitrug. Bald nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verständigten sich beherzte ÖsterreicherInnen und SlowakInnen auf die Abhaltung der Slowakisch-Österreichischen Seminar- und Kulturwoche, legte Vock dar. Ein Ergebnis des Politischen Abends war, in der Diskussion wurde eine bilaterale Aufarbeitung der Geschichte zwischen den Ländern gefordert.

 

Mit Texten und biographischen Hinweisen über die Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner (1843-1914), den gewaltlosen Widerstandskämpfer Mahatma Gandhi (1869-1948), den amerikanischen Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King (1929-1968), die selige Anna Kolesárová (1928-1944), die sich nicht dem russischen Soldaten hingab und dafür ihr Leben gab, die selige Sara Salkaházi (1899-1944), die Juden versteckte, und den Seligen Märtyrer Ján Simonides (1639-1674), wurde beim Morgenlob der Weg von Glaubenszeugen dargelegt.

 

Ein Quiz am Abschlussabend, der die gegenseitigen Kenntnisse über das jeweils andere Land abfragte, wurde für einige zur Herausforderung und zeigte Luft nach oben. Das interessierte Singen von slowakischen und österreichischen Volksliedern und der Nationalhymnen rundete die Begegnung ab.

 

Insgesamt führte der vertiefte Austausch zu religiösen, kulturellen und politischen Fragen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und zu einer Stärkung der Solidarität zwischen den slowakischen und österreichischen TeilnehmerInnen.

 

Franz Vock

 

image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image
image

Katholischen Aktion
Erzdiözese Wien

Stephansplatz 6/5
1010 Wien

Tel. +43 1 51552-3312
Fax: 01/ 51552-3143
katholische.aktion@edw.or.at
Darstellung: