Traude Novy

11. Feb 2019

Digitale Dialoge

von Traude Novy am 11. February 2019, 09:33 Uhr

Vorige Woche habe ich einen Abend und den darauf folgenden Vormittag damit zugebracht, herauszufinden, woraus sich der ziemlich große Betrag zusammensetzte, der von meinem Kreditkarten-Konto abgebucht wurde. Ich war beunruhigt, da ich Sorge hatte, dass da vielleicht jemand auf mein Konto zugreifen kann.

Es war mir allerdings nicht möglich, mein Konto per Computer einzusehen, da wegen der Datenschutz-Grund-Verordnung mir jetzt einige zusätzliche seltsame Fragen gestellt wurden, wie z.B. der Name der Straße in der ich geboren wurde, das Geburtsdatum meiner Mutter, die Marke meines ersten Autos. Ich füllte darob ziemlich irritiert, aber an digitalen Kummer gewöhnt, alles brav aus, aber es gelang mir dennoch nicht, diese Seite abzuschicken. Bei der Kreditkartenfirma war natürlich schon Dienstschluss, also ging ich mit dem mulmigen Gefühl schlafen, dass sich da auf meinem Konto eventuell Unkontrollierbares abspielt. Am nächsten Tag erreichte ich dann nach endlosem Hängen in der Warteschleife eine auskunftswillige Dame, die mir allerdings auch nicht helfen konnte, weil sie meinte, das wäre ein Einstellungsproblem meines Computers. Sie schickte mir allerdings per mail ein Formular, das ich dann ganz vorgestrig mit Blockbuchstaben ausfüllte, unterschrieb, einscannte und ihr wieder zurückschickte. Es dauerte noch Stunden, bis ich endlich erfuhr, dass ich einen größeren Einkauf per Kreditkarte sichtlich verdrängt hatte  und mit meinem Konto alles in Ordnung war. Bis es so weit war, flatterten allerdings meine Nerven beträchtlich und ich war zu der Dame am Telefon, die für alles ja nichts konnte, ziemlich unfreundlich, was mir dann doch sehr leid tat.

 

Es war eine neue Erfahrung, wie es einem alten Menschen ohne direkten Zugang zu Beratung mit der neuen digitalen Welt gehen kann. Ich lerne ständig dazu, denn dass ich unbezahlte Mitarbeiterin meiner Bank und meines Supermarktes bin, daran habe ich mich zwar noch immer nicht gewöhnt, aber es scheint kein Weg daran vorbeizuführen. Ich habe damit zu leben,  dass ich gemeinsam mit anderen, die auch nicht gefragt werden, eine bezahlte Kundenbetreuerin der Bank und einen Supermarkt-Kassier ehrenamtlich ersetze.

 

Da traf es sich gut, dass ich auf eine Fernseh-Sendung stieß, die sich damit beschäftigte, wie die Digitalisierung in Zukunft unser aller Leben verändern wird und wieviel bezahlte Arbeit noch übrig bleiben wird. Es wurde sehr kontroversiell diskutiert. Während ein Philosoph meinte, an einem bedingungslosen Grundeinkommen würde kein Weg vorbei führen, weil es in Zukunft eben nur mehr Arbeit für wenige Menschen geben würde, meinte ein Minister, dass es so arg nicht werden wird, weil ja viele neue Arbeitsplätze geschaffen würden.

 

Ein als digitaler Jungunternehmer vorgestellter Mann meinte sogar, dass wir in Zukunft mehr werden arbeiten werden, weil  wir ja mit den fleißigen Chinesen konkurrieren müssten. Diesen Ansatz fand ich interessant und ich nutzte die digitalen Möglichkeiten, um mich über das Unternehmen dieses Shooting-Stars zu informieren. Ich gab also „Runtastic“ ein – so heißt dieser österreichische Vorzeige-Betrieb - und zu meiner Verwunderung las ich, dass dort Soft- und Hardware für den Fitnessbereich produziert wird. Es geht also darum, dass sich ihre Fitness trainierende Menschen darüber informieren können, wie sie das am effizientesten tun können, es wird alles Mögliche gemessen, was Interessierten über den Stand ihrer körperlichen Verfasstheit Auskunft gibt.

 

Damit also beschäftigt sich einer der zukunftsweisendsten Unternehmen Österreichs? Und dieses Unternehmen kann man dann um 200 Millionen € an Adidas verkaufen? Ich will nicht anzweifeln, dass hinter diesen Erfindungen ziemlich viel Gehirnschmalz steckt, aber ist es das, was uns als Gesellschaft wirklich weiterbringt? Das ist doch vor allem was für sich selbst optimierende Autisten. Alles, was wir früher gemeinsam in Sportvereinen getan haben, uns aneinander zu messen, unsere Leistungen zu vergleichen, uns gegenseitig anzuspornen und uns zu trösten, wenn manchmal nichts gelang, das macht jetzt das Handy oder eine Uhr am Handgelenk. Mit dem einzigen Unterschied – wir sind damit allein.

 

Es erstaunte mich zu hören, dass der junge hochbegabte Mann, der dieses Unternehmen gegründet und wieder verkauft hat, als Berater bei den Regierungsverhandlungen dabei war um bei der Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt mehr als ein Wörtchen mitzureden. Was befähigt ihn dazu? Brauchen wir für die Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt diese einseitig denkenden und agierenden Spezialisten, oder sind da nicht eher jene gefragt, die das Puzzle der realen, der digitalen und der sozialen Herausforderungen zusammensetzen können?

 

Braucht es dazu nicht jene, die ökonomische, ökologische und soziale Zukunftsfragen miteinander verbinden? Die Digitalisierung ist eine Technologie die von Menschen beherrscht und gestaltet werden muss. Es ist der Menschheit erst nach vielen sozialen,  ökonomischen und ökologischen Katastrophen gelungen, die erste industrielle Revolution politisch zu bändigen – wir sollten eigentlich daraus gelernt haben und die derzeitigen massiven Umwälzungen durch die Brille der Erfahrungen aus dieser Zeit gemeinsam und klüger angehen.

 

Vielleicht wäre es hilfreich, sich neben der Digitalisierung einer anderen zukunftsweisenden Frage zu widmen, nämlich der, wie wir unter den heutigen technischen, ökologischen und sozialen Voraussetzungen ein gutes Leben für alle Menschen ermöglichen können. Wie können wir eine Welt gestalten, in der Kinder gut aufwachsen, erwachsene Menschen ihre Welt gut gestalten können und alte Menschen fried- und würdevoll ihr Leben vollenden können? Und was ist zu tun, damit das nicht nur für privilegierte Staaten gilt, sondern weltweit? Diese Fragen, würden ganz andere Antworten nötig machen, als allem hechelnd hinterher zu  Laufen was nach technologischem Fortschritt riecht. 

 

Manchmal, wenn ich des Nachts wach liege, träume ich von Politikern und Politikerinnen, die statt die immergleichen Rituale in Davos abzuhandeln, sich mit kritischen WissenschaftlerInnen, ÖkonomInnen, Vertreterinnen der sozialen- Frauen- und Umweltbewegungen zusammensetzen. Sie bräuchten keine Sorge zu haben, dass dabei die Vertreter der Finanzwirtschaft und der digitalen Erneuerungsgurus zu kurz kämen – deren Lobby ist stark genug - ein kleiner Dämpfer kann ihnen nur guttun.      

Traude
Novy
© 2019 | Impressum | Intern
Darstellung: