Traude Novy

25. Okt 2018

Neues von den Märkten

von Traude Novy am 25. Oktober 2018, 14:11 Uhr

Die Märkte in den österreichischen Städten und Gemeinden sind Begegnungsorte und sehr oft auch Gegengewicht zu den alles beherrschenden Handelsketten in unserem Land.

 

Auch wenn die großen Wiener Märkte sich zusehends zu Genusszonen und Tourismuszentren entwickeln, lebt dennoch auch an diesen marktlichen Ballungsräumen die Freude an der Vielfalt der Produkte und der Buntheit der Menschen, die dort kaufen und verkaufen. Noch viel genüsslicher geht es aber auf den vielen Bio-, Bauern- und Wochenmärkten in zahlreichen österreichischen Gemeinden zu.

Findigen Marketingleuten ist es allerdings schon im 19. Jahrhundert gelungen, dieses Bild von Markt, das großteils positiv besetzt ist, durch geschicktes Framing auf ganz andere Bereiche umzulegen. Einer der großen Irrtümer, die uns eingebläut wurden, ist der, dass wir in einer Marktgesellschaft leben und als Menschen nichts anderes sind, als Käufer und Verkäufer. Es wird uns vermittelt, dass das Zentrum unserer Lebensgestaltung darin besteht,  auf einem fiktiven allumfassenden Marktplatz zu bestehen. Um das zumindest ein wenig glaubhaft zu machen, muss in einem solchen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem alles zur Ware gemacht werden, der Mensch, die Natur und auch das Geld.

 

Die Berufstätigkeit wurde zum Arbeitsmarkt, Grund und Boden, der nicht erzeugt werden kann und auch nicht vermehrbar ist, wurde Grundlage des Agrarmarkts und Geld, das ja ursprünglich als Tauschmittel gedacht war, wurde zum Kapitalmarkt. Damit nicht genug, es gibt z.B. auch einen Spendenmarkt, auf dem Verkäufer und Käufer von Wohltätigkeit wirken und auch einen Medienmarkt, wo Meinung gekauft und verkauft werden soll. All diese Bereiche, die nichts mit einem ursprünglichen Marktgedanken zu tun haben und die eher auf Kooperation bauen sollten, werden dadurch zum Schauplatz beinharter Konkurrenzkämpfe.

 

In letzter Zeit kann man wieder häufig lesen, dass die „Märkte“ Regierungen dafür bestrafen, wenn sie sich nicht „marktkonform“ verhalten. Ich hege keinerlei Sympathie für die italienische Regierung, aber ihr Versuch, mittels Erhöhung von Sozialausgaben der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der großen Armut im Land entgegenzuwirken, ist zumindest einen Versuch wert.

 

Es könnten ja dadurch möglicherweise in Zukunft durch mehr Steuereinnahmen die Defizitzahlen zurückgehen, ohne dass weite Teile der Bevölkerung zunehmend verarmen, wie das in Griechenland der Fall war. Den Verantwortlichen in der EU war es kaum Reaktionen und schon gar keine Sanktionen wert, als der italienische Innenminister die grausamsten, menschenfeindlichsten Äußerungen von sich gab und auch seine  Verweigerung, Flüchtlingsschiffe landen zu lassen, führte zu keinen merkbaren Reaktionen. Aber eine Erhöhung des Budgetdefizits, das verlangt in einer marktgetriebenen Gemeinschaft nach Sanktionen. Nicht nur dass die EU am Fetisch der durch nichts zu begründenden strikten Sparziele festhält und ein Abweichen davon im Gegensatz zu den Verletzungen der Menschenrechte strikt ahndet, versuchen vor allem die „Märkte“ Italien in die Knie zu zwingen, wie es bei Griechenland schon gelungen ist.

 

In Brasilien wird voraussichtlich ein Mann Präsident werden, der offen die Militärdiktatur als gute Regierungsform befürwortet und sagt, er hätte lieber einen toten Sohn  als einen schwulen. Der „Medienmarkt“ hat diesen Mann gehypt und die „Märkte“, also die Börsen haben diese menschenverachtenden Äußerungen sofort honoriert und nach seinem ersten großen Erfolg einen mächtigen Sprung nach oben gemacht.

 

Mit dem Wort „Märkte“ kann man so wunderbar verschleiern, dass dahinter Menschen und Gruppen mit handfesten kapitalgetriebenen Interessen stehen. Es ist ein ziemlich schauerliches Menschenbild, das sich da offenbart. Diese jahrzehntelange Indoktrination, dass der Markt alles regelt und für alles zuständig ist, macht etwas mit uns Menschen und mit den Gemeinschaften in die wir eingebunden sind. Mit den Märkten als Orte der rücksichtslosen Konkurrenz als allumfassendes Organisationssystem unserer Gesellschaft, hat das primitive Menschenbild, das auf dem Recht des Stärkeren beruht, wieder Einzug in vermeintlich humanisierte Gesellschaften gehalten.

 

Es gibt nur einen Bereich, wo das alles nicht gelten soll. Im Bereich der Fürsorge, Vorsorge, Bildung,  Pflege und auch im Haushalt zählt nach wie vor das Miteinander und Füreinander. Deshalb wird dieser Sektor der Gesamtwirtschaft von den Mainstreamökonomen auch nicht als wertschöpfend, sondern als Kostenfaktor wahrgenommen. Dass dort vorwiegend Frauen tätig sind, vervollkommnet das Bild.  Wenn in diesem Bereich allerdings nicht unentgeltlich, sondern auf Lohnbasis gearbeitet wird, unterliegen auch Care-Tätigkeiten einem marktlichen Kosten-,  Effizienz- und Zeitdruck, der für eine gute Leistung und das gute Leben der Betroffenen kontraproduktiv ist. Da dieser Lebensbereich aber der Ort ist, auf den alles andere aufbaut und ohne dessen Wirken die „Märkte“ nicht funktionieren würden, kann auch nur von dort eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgehen.

 

Dazu ist es nötig, dass wir die Fürsorge füreinander und die Solidarität miteinander, überall dort wo wir Einfluss haben, stärken. Wir müssen der Rationalität dieses Sektors der Gesamtwirtschaft, nämlich sorgfältig, empathisch und sich für gute Arbeit Zeit zu nehmen, breiten Raum geben und diesem Denken Platz im gesellschaftlichen Diskurs verschaffen. Das wäre ein erster Schritt weg von einer barbarischen Gesellschaft, auf die wir uns derzeit zubewegen, hin zu einem zukunftsweisenden Miteinander, wo wir uns gemeinsam auf realen Märkten treffen, uns austauschen und einkaufen, was wir brauchen und einander ohne vorherrschendem Konkurrenzdruck das gute Leben gönnen.

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