Traude Novy

04. Sep 2018

Hässliche Bilder

von Traude Novy am 04. September 2018, 10:44 Uhr

Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte vor einiger Zeit ziemlich ungeniert, dass wir uns an hässliche Bilder im Fernsehen gewöhnen müssten, er meinte damit Bilder von ertrinkenden Bootsflüchtlingen und von herumirrenden Menschen, die niemand aufnehmen will.

Er baut auf eine abschreckende Wirkung dieser Bilder, damit die Flucht nach Europa gar nicht erst versucht wird. Solche Worte aus dem Mund eines jungen Menschen, der angeblich Verantwortung für sein Land übernommen hat,  kommen bei jenen, die ihre christliche und humanistische Weltsicht noch nicht ganz verloren haben, allerdings vor allem als abschreckend, roh und herzlos an. Der Kanzler und seine Bundesregierung nehmen durch ihre Rhetorik und die von ihr übermittelten Bilder leichtfertig in Kauf, dass unsere Gesellschaft in eine primitive Daseinsform, wo das Recht des Stärkeren herrscht, zurückfällt.

 

 

Mit Bildern zu manipulieren, beherrscht diese Bundesregierung auch auf anderen Ebenen. Neulich jagte mir eine große Plakatwand vor der Rossauer Kaserne einen ordentlichen Schrecken ein. Von dieser Wand zielten zwei Bundesheersoldaten überlebensgroß in voller Kampfmontur mit ihrem Sturmgewehr scheinbar auf uns Passanten. Der Text zu diesem Plakat lautet „Wasser und Strom – das schützen wir“. War mir bisher entgangen, dass fremde Mächte als Brunnenvergifter und Strommastsprenger in unser Land eingedrungen waren, gegen die nun unser Bundesheer mobilisiert werden muss? Es kann nicht anders sein, denn nur gegen feindliche Truppen macht es Sinn, das Bundesheer in voller Kampfausrüstung aufmarschieren zu lassen. Bisher dachte ich, dass für den Schutz unserer Wasserquellen die diversen kommunalen Versorger zuständig sind und für die Versorgung mit Strom unsere Energie- Unternehmen die Verantwortung haben. Zur Verhinderung eventueller terroristischer Angriffe auf die Grundversorgung haben wir die Polizei und das allerdings ins Zwielicht geratene Amt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung.  Die großen Verdienste des Bundesheeres sah ich bisher eher im Katastropheneinsatz, wenn Stromleitungen durch Stürme und andere Naturgewalten unterbrochen waren und wenn nach Unwettern das Wasser großen Schaden anrichtete. Bei all diesen Tätigkeiten sind volle Kampfmontur und Sturmgewehr allerdings eher hinderlich.

 

Weshalb also wirbt das Österreichische Bundesheer mit martialisch dreinblickenden Soldaten und dem Slogan, dass sie schwer bewaffnet unser Wasser und unseren Strom schützen würden? Ich stelle mir da eine Szene vor, wo der Minister mit seinen Vertrauten mit einem Werbefuzzi zusammensitzt und gemeinsam beraten wird: Was ist den Österreichern wichtig? Sichtlich nicht der verdienstvolle Einsatz als UNO-Soldaten zur Befriedung in Bürgerkriegsländern und  der Grenzschutz ist in einem EU-Binnenland auch eine zwiespältige Angelegenheit – aber das Hochquellenwasser und die gute Versorgung der Tiefkühltruhe mit Strom, das emotionalisiert uns – also wird ein Werbeplakat, das Soldaten im Kampf Mann gegen Mann zeigt, als Sujet für den Schutz unseres Wassers und unseres Stroms fabriziert, egal welchen Realitätsbezug diese Darstellung hat.

 

Deshalb sei festgehalten: das Bundesheer ist nicht für die Infrastruktur unserer Grundversorgung zuständig und käme erst dann schwer bewaffnet zu deren Schutz zum Einsatz, wenn eine fremde Macht unser Land in Schutt und Asche legen wollte – besteht irgendwo die geringste Gefahr dazu? Also was soll dieses Plakat?

 

Es soll, wie fast alles was diese Regierung tut, auf der symbolischen und angstbesetzten emotionalen Ebene Stimmung machen. Stimmung für ein Bundesheer, dessen Aufgaben niemand so genau beschreiben kann, weil Landesverteidigung eben vielfältige Aufgaben umfasst.  Diese Regierung wünscht sich aber sichtlich, dass es für den Schutz der Bevölkerung durch Waffengewalt stehen soll und so sehen dann eben auch die Werbebilder aus.

 

 Angstbesetzte Stimmung sollen auch die Meldungen von „Flüchtlingsströmen“ an unseren Grenzen machen, Stimmung soll auch gegen den Sozialstaat durch Hetze gegen Sozialversicherungen und Mindestsicherungsbeziehende gemacht werden. Kopftücher für Kindergartenkinder sind ein weiteres ideologisches Kampffeld. Hinter all diesen Gewitter-wolkigen Schleiern kocht diese Regierung dann ihr unbeobachtetes Süppchen, indem sie Rechte der Arbeitnehmenden aushöhlt , die Umwelt im Schnellverfahren für Großprojekte opfern will und Unternehmen die Schwarzarbeiter beschäftigen, mit Bagatellestrafen freikauft. Und indem sie für einen Hochzeits- Knicks der Frau Außenministerin vor Wladimir Putin wahrscheinlich so viel Geld ausgibt, wie sie den kritischen Frauenorganisationen willkürlich streicht.

 

Es ist ein abschreckendes Gesellschafts- und Menschenbild, das uns diese Regierung insgesamt vermittelt. Gefährlicher, weil teilweise so freundlich daher kommend, erlebe ich allerdings die mittels Message-Control verbreiteten Bilder des Kanzlers, die ihn als milchbubihaftes Politgenie einerseits und beinhart und herzlos durchgreifenden Macher andererseits, zeigen. Mit ihm als Vorbild kann man so sympathisch unmenschlichen Gedanken nachhängen, ohne sich schämen zu müssen. Sind das die „Neuen Menschen“, auf die Europa in Zukunft baut? Ich ersuche all jene, die eine solche Bildersprache und solches Agieren gut finden, nie mehr von den europäischen Werten zu sprechen, die wir verteidigen müssen, denn diese Werte sind zu einem inhaltsleeren Public Relation-Schmäh verkommen.

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