Traude Novy

25. Jul 2018

Aus Fieberträumen erwacht

von Traude Novy am 25. Juli 2018, 14:43 Uhr

Jetzt hatte es mich doch wieder erwischt – trotz meines Wissens um die FIFA als Zentrum der Korruption, trotz völlig absurder Gagen der Fußballstars, trotz der mafiösen Zersetzung dieses Sportzweigs – das Fußballfieber hatte  mich für zwei Wochen wieder voll erfasst. Nun bin ich erwacht und schau ein wenig irritiert und beklommen auf das zurück, was da zu sehen war und schön langsam beginne ich zu reflektieren.

Es waren spannende, hochwertige emotional fesselnde Spiele in einem Land, das sich diese Weltmeisterschaft gekauft hatte, aber mit Menschen dieses Landes, die begeisterte Gastgeber waren. Und es waren 32 Länder vertreten, die in Zeiten wieder erwachter Nationalgefühle, die neurotische Grundierung dieses Gefühls offenlegten.

 

Da trat eine Schweizer „Nationalelf“ an, deren maßgebliche Spieler mit kosovarischen Wurzeln im Siegestaumel den Serben das Zeichen des albanischen Doppeladlers entgegenhielten, als Zeichen dafür, dass der Kosovo eigentlich zu Albanien gehört – eine nicht unbeträchtliche Provokation der Serben, die ihrerseits mit nationalistischen Ausfällen nicht geizten.

 

Da strotzte die belgische Elf vor Nationalstolz, obwohl daheim Flamen und Wallonen kaum noch miteinander reden können. Aber das spielte eigentlich keine Rolle, denn es war ja eine multiethnische Mannschaft, die da Belgien vertrat und Lukako dessen Eltern aus dem Kongo stammen,  schwor sie vor jedem Spiel auf den Sieg ein.

 

Die einzigen „autochthonen“ europäischen Mannschaften waren, die Serben, Kroaten und Polen, also genau jene Länder, die bei der europäischen Asyldebatte eine unrühmliche Rolle spielen. Aber die Stars dieser Mannschaften verdienen natürlich ihr gutes Geld im „Ausland“.

Augenfällig war auch, dass es europäische Spiele waren, die afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Teams hatten so viele gute Einzelspieler, aber als Mannschaften waren sie zu uneins. Allerdings waren in den europäischen Mannschaften viele Spieler mit Wurzeln in anderen Kontinenten, aber gerade diese spielten sehr mannschaftsdienlich.

 

Brasilien hat es eben auch nichts genützt, dass Neymar gekonnt aber einige Male zu oft, den Sterbenden Schwan mimte. Als politischer Mensch und mit Brasilien verwandtschaftlich verbunden, wusste ich nicht, wie ich das Ausscheiden beurteilen sollte. Denn eines ist ziemlich sicher, hätte Brasilien vor 4 Jahren bei ihrer Heimweltmeisterschaft nicht so blamabel 7:1 gegen Deutschland verloren, vielleicht wäre es nicht gelungen, den Volkszorn gegen jene zu richten, die trotz vieler Fehler, unzählige Menschen von der Armut befreit haben, nämlich die Staatschefin Dilma Rousseff und ihre Arbeiterpartei. Vielleicht wäre Brasilien der vollkommene wirtschaftliche Absturz erspart geblieben. Jetzt wiederum wird vor den kommenden Wahlen das Team vor allem dazu benutzt, die reaktionären Kräfte im Land zu stärken und wäre Brasilien Weltmeister geworden, dann hätte der extrem rechte Kandidat Jair Bolsonaro, der sein Land in Richtung Militärdiktatur führen würde, noch bessere Aussichten, die Wahl zu gewinnen. So aber besteht noch ein wenig Hoffnung, dass ohne diesen nationalistischen Rauschzustand das Ärgste vielleicht noch abzuwenden ist.

 

In Deutschland wird eine zugegebenermaßen zumindest politisch naive Fotoaktion von Mesut Özil mit Erdogan dazu benutzt, ihm das Ausscheiden der deutschen Elf anzulasten und ihn rassistisch zu beschimpfen, sodass er seinen Abschied aus der deutschen Mannschaft bekanntgab. Dabei hatte alles so schön begonnen, als im Jahr 2006 eine multiethnische Deutsche Mannschaft  und ihre Anhänger als Gastgeber, der Welt ein „Deutsches Sommermärchen“ präsentierten. Allerdings konnte man auch damals schon - wenn man kritisch hinschaute - hinter den fähnchenschwingenden Fans die gefährliche Fratze der AfD erkennen.

 

Eigentlich hätte ich mich über das kleine Land Kroation als Weltmeister sehr gefreut – wären da nicht unüberhörbar Ustascha-Töne erklungen, nicht nur von den weltweit verstreuten Exilkroaten, sondern von den Spielern und ihren Betreuern. Ja und wäre da nicht eine Präsidentin gewesen, die sich bis zur Peinlichkeit im Schachbrett-T-Shirt tänzelnd fast prostituierte und alle, die ihr unter die Finger kamen küssend vereinnahmte. Dass sie das alles im Wahlkampfmodus machte, um für ihre ultrarechte Einstellung Stimmung zu machen, blieb den meisten Zuschauenden wahrscheinlich verborgen.

 

Die Fadenscheinigkeit dieser Weltspiele des Nationalismus wurde uns unter anderem auch auf der Ottakringer Straße deutlich gemacht. Österreicherinnen und Österreicher, die schon lange ihren Lebensmittelpunkt hier im Land haben, aber deren Großeltern vor Armut und Krieg aus Kroatien geflüchtet waren, feierten die kroatischen Siege mindestens so intensiv und teilweise aggressiver als die Menschen in Zagreb.

 

Ja, und da ist dann auch noch die französische Weltmeistermannschaft. Sicher die multiethnischste des Turniers. Diese begnadeten Fußballer viele mit afrikanischen Wurzeln spielten für ein Land, in dem ihre ursprünglichen Landsleute oft massivster Diskriminierung ausgesetzt sind. Aber vielleicht verändert dieser Sieg die Stimmung – hoffen wird man ja noch dürfen.

 

Was sind also die Schlussfolgerungen aus dieser tour d’horizon durch die Fußballwelt?

 

1. Der Nationalismus, der sich gerade im Fußball so deutlich zeigt, ist ein Kunstprodukt. Es werden Emotionen erzeugt, die keine reale Basis haben.

2. In einer globalisierten Welt haben Menschen – nicht nur Fußballer- zumeist mehrere Identitäten. Die Verbundenheit zum Herkunftsland passt zusammen mit dem Heimatgefühl gegenüber dem Land, indem man lebt und in dem die eigenen Kinder aufwachsen.

3. Der Lack an der Oberfläche dieser bunt zusammengesetzten „National“-Mannschaften ist schnell ab, wenn der Erfolg ausbleibt – andererseits kann Erfolg vieles zusammenfügen, was eigentlich nicht zusammenpasst.

4. Wir spielen noch immer „Ländermatches“ und keine „Nationalmatches“, wäre es nicht viel passender, „Ländermannschaften“ gegeneinander antreten zu lassen, um dem so gefährlichen Wort „national“ kein harmloses Framing zu liefern?

 

Abschließend kann man also in Abwandlung eines Zitats von Friedrich Hebbel sagen: Fußball ist die kleine Welt in der die Große ihre Probe hält.

           

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