Traude Novy

25. Jun 2018

Tanzen auf dem Vulkan

von Traude Novy am 25. Juni 2018, 13:02 Uhr

Vor einigen Tagen erhielt ich das Herbstprogramm einer Katholischen Bildungseinrichtung. Beim Durchblättern war ich bezüglich des Inhalts der Angebote ziemlich irritiert. Sie reichen von „Tanz- und Trommeltagen für die Seele“  bis zu „den 7 Sinnen auf der Spur“, bieten ein wenig unverfängliche Theologie, Erziehungsthemen und als einzige vielleicht gesellschaftskritische Veranstaltung, eine Information über die Schriften von Papst Franziskus, allerdings klingt auch das ziemlich weichgespült. 

 

 

Die derzeit brennenden sozialen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen gerade für uns Christinnen und Christen sind sichtlich kein Thema für viele kirchliche Bildungsinstitutionen. Nichts gegen Wellness für Leib und Seele, aber als vorrangige Themen in der christlichen Erwachsenenbildung? Auch wenn sich diese Inhalte leichter „verkaufen“,  ist das der Bildungsauftrag? Gibt es da nicht eine Verantwortung, Christinnen und Christen zu befähigen, ihre mündige Rolle in Kirche und Gesellschaft wahrnehmen zu können?

 

Angesichts der multiplen Krisen weltweit und auch in unserem Land erscheint mit das, womit sich viele Mitbürgerinnen und Mitbürger beschäftigen und worin sie von den vielen Angeboten zur Optimierung des individuellen Wohlfühlfaktors noch unterstützt werden, wie ein Tanzen auf dem Vulkan zu sein. Eine Hilfestellung zum Verdrängen der Realität. Wäre es da nicht wichtig, dass gerade kirchliche Institutionen Alternativen entwickeln?

 

Es mag schon sein, dass auch eine kirchliche Bildungsinstitution mit einem Wohlfühlprogramm mehr Menschen anspricht und dadurch dann auch mehr öffentliche Fördermittel lukrieren kann, dennoch wurden diese Einrichtungen zur Unterstützung des gesellschaftspolitischen Auftrags der katholischen Laienorganisationen gegründet und sollten echte emanzipatorische Volksbildungsinstitutionen sein. Man kann zu der früheren ideologischen Ausrichtung stehen wie man will, aber zur Entwicklung und Stärkung eines mündigen Christentums waren sie einmal die prägenden Institutionen.

 

In den gegenwärtigen Zeiten großer gesellschaftlicher Transformationen, von Klimawandel, kriegerische Konflikte nahe an den Grenzen der EU und den daraus resultierenden weltweiten Flüchtlings- und Migrationsbewegungen, kommt christlichen Organisationen eine große Verantwortung  zu. Diese wird auch von vielen einzelnen Menschen und auch vielen Pfarrgemeinden wahrgenommen – allein die Stimme der Kirchenleitung höre ich, zumindest in unserem Land kaum.

 

Den bedrückenden politischen Gefahren unserer Zeit, Entsolidarisierung, Entdemokratisierung und dem Raubbau an unseren ökonomischen, sozialen und ökologischen Ressourcen,  stellen sich nur allzu wenige entgegen, weltweit und auch in Österreich. Allerdings zeigt uns Papst Franziskus klar, was die Aufgabe von uns Christinnen und Christen in diesen Krisenzeiten ist, nämlich auf Seiten der Benachteiligten zu stehen, Gerechtigkeit einzufordern  und uns als Hüterinnen der Schöpfung zu verstehen. Dazu brauchen wir aber ein Rüstzeug, das uns die boulevardisierten Medien nicht bieten werden, nämlich politische und ökonomische Bildung, Einüben im Aushalten von Widersprüchen, Empathie für die „Anderen“ , eine Gesprächskultur, die offen ist, für Neues und vieles mehr.

 

Gerade im heurigen Jahr mit seinen vielen Gedenktagen sollten wir in den Kirchen aber auch unsere Geschichte kritisch beleuchten und uns eingestehen, dass wir oft in der Vergangenheit auf der falschen Seite gestanden sind - nicht um uns zu beschuldigen, sondern um den Herausforderungen heute mehr gerecht werden zu können. Dazu ist politische Bildung unabdingbar.

 

Landauf landab wird getrommelt, dass Bildung das Schlüsselwort für die Gestaltung unserer Zukunft ist, aber sie darf sich nicht im Fitmachen für den digitalen Arbeitsmarkt erschöpfen und auch nicht in Wellnessangeboten, um das aushalten zu können. Sie muss geerdet sein und die Probleme der Zeit ansprechen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Das wird sie ganz sicher umso nachhaltiger tun, wenn dabei auch gebetet, getanzt und getrommelt wird - denn ohne Lebenslust und Freude geht gar nichts. Die kreativen Rahmenbedingungen allerdings zum Hauptinhalt zu machen, ist gefährlich. Denn ohne gesellschaftskritische Bildung keine Demokratie und ohne Demokratie wird Bildung zur Farce und zum narkotisierenden Tanz auf dem Vulkan.

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