Traude Novy

08. Mai 2018

Empfindsamkeit und Sensibilität

von Traude Novy am 08. Mai 2018, 15:42 Uhr

Anlässlich des 70 jährigen Bestehens des Staates Israel war in den Medien viel über die Hintergründe der Gründung dieses Staates zu sehen und zu hören. Die Tragödie, dass über Jahrhunderte jüdische Menschen in Europa verfolgt und denunziert wurden und die mit der Vernichtung des europäischen Judentums endete, hat viel mit dem tief verwurzelten christlichen Antisemitismus zu tun. Diese Schuld nimmt uns niemand ab – ja sie wird noch größer dadurch, dass nun ein anderes Volk, nämlich die Palästinenser den Preis für die Verbrechen unserer Landsleute bezahlt. Wie konnte es so weit kommen?

Da mein Mann krankheitsbedingt kaum mehr aus dem Haus gehen kann, haben wir die letzten Jahre den Ostergottesdienst im Radio mitgefeiert – und da wird man zwangsläufig aufmerksamer auf das, was gesprochen wird, weil ja die optischen Eindrücke fehlen. Die Osternacht ist für mich die schönste liturgische Feier des Kirchenjahres. Dennoch empört es mich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit die – zugegebenermaßen literarisch schönen – Lesungen ohne erklärende Worte vorgetragen werden.

 

Die Lesung vom Auszug aus Ägypten mit all seinen Grausamkeiten von der Tötung der Erstgeborenen bis zur Vernichtung der Ägyptischen Streitkräfte, preist einen Gott, der die Feinde erbarmungslos vernichtet. Die Geschichte von Abraham und Isaak wiederum offenbart einen Gott, der die Liebe zu ihm, gegen die Liebe zum eigenen Sohn ausspielt – an einen solchen Gott kann und will ich nicht glauben. In der Lesung des Propheten Ezechiel wird Israel als das gelobte Land versprochen, wenn es sich Gott wohlgefällig verhält. Nehmen die diversen Zelebranten an, dass wir Mitfeiernden theologisch genug geschult sind, um diese Erzählungen in ein zeitgemäßes Deutungsmuster einordnen zu können und wir die wesentliche Botschaft der Befreiung losgelöst von den archaischen Rahmenbedingungen erkennen können?

 

Oder ist es nicht eher so, dass sich die meisten Menschen wenig denken, wenn sie diese Texte hören – aber diese haben ihre Wirkung – subkutan und auch ganz offensichtlich. Solche Texte darf man nicht unkommentiert lesen, denn sonst zeigt sich ein Gottes- und Menschenbild, das leicht wieder abrufbar ist. So wie Jahrhunderte lang die Kreuzigung Christi dafür herhalten musste, um das jüdische Volk als Christusmörder zu denunzieren und damit der Nährboden für den Antisemitismus fruchtbar gemacht wurde, genauso wird derzeit von jüdischen Fundamentalisten die Bibel dazu missbraucht, um die größten Grausamkeiten gegenüber den Arabern zu rechtfertigen und ihr Land in Besitz zu nehmen.

 

Es ist gut verstehbar, dass sich fundamentalistische Juden und Christen zur Zeit so gut verstehen, weil sie ja die Muslime als ihre gemeinsamen Feinde ausgemacht haben. Menschen, die sich über Moslems mokieren, weil sie den Koran wörtlich nehmen, vergessen nur allzu leicht darauf, dass auch viele Christen und Juden die Bibel so lesen und sehr wenig unternommen wird, um das zu revidieren. In dieses Bild passt nur zu gut, dass in Bayern das Kreuz verpflichtend in allen öffentlichen Gebäuden und in den Schulen angebracht werden muss. Damit wird dieses Zeichen des Sieges der Friedfertigkeit über menschliche Gewalttätigkeit als Machtsymbol und Kampfmittel gegen Andersdenkende missbraucht.

 

Ebenso unverständlich ist es allerdings, wenn in Moscheen eine Schlacht des ersten Weltkriegs, in der das osmanischen Reich die Engländer besiegte, von Kindern nachgespielt wird und somit Nationalismus und Gewaltverherrlichung in die Herzen der nächsten Generation eingepflanzt werde. Allerdings sollten wir uns selbst auch überlegen, wie wir unsere Türkenkriege historisch einordnen, die ja nicht nur der Verteidigung des christlichen Abendlandes, sondern vor allem handfesten Machtinteressen dienten, da die katholischen Franzosen durchaus mit den Türken sympathisierten.

 

Das alles lässt mich ratlos zurück, denn ich orte auch bei Menschen, die im persönlichen Verhalten sehr empfindsam sind, einen großen Mangel an Sensibilität, wenn es um die Auseinandersetzung mit den eigenen religiösen und politischen Bildern, Erinnerungen und Sprechweisen und deren Verwurzelung in unserem Alltag geht.

 

Die 70 jährige Geschichte des aus Vernichtung und Entwurzelung geborenen Staates Israel zeigt sehr deutlich, dass Frieden nicht durch das Wiederbeleben überlieferter Mythen entstehen kann, sondern nur durch Eingeständnis der eigenen schuldhaften Verstrickungen. Nur so kann ein Weg aus der sich immer weiter drehenden Gewaltspirale gefunden werden. Unsere Angst vor dem muslimischen Antisemitismus ist berechtigt, aber dieser Antisemitismus wurzelt vor allem in dem Unrecht, das dem palästinensischen Volk widerfahren ist und immer noch widerfährt. Und dieses Unrecht ist real und es anzusprechen hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern ist eine Verpflichtung für uns Menschen in Europa, die an der ganzen Misere ja ursprünglich die Schuld tragen.

 

Es ist mir schleierhaft, wie Christinnen und Christen in Europa nicht erkennen, dass es für unsere Zukunft unabdingbar ist, das Zusammenleben mit unseren jüdischen und muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern respektvoll zu gestalten, weil es zu einem friedvollen Miteinander keine Alternative gibt. Besonders befremdlich ist es, wenn Vertreter einer sich christlich-sozial nennenden Partei durch ihren ausgrenzenden Umgang mit muslimischen Menschen den Zulauf zu deren gewalttätigen Gruppen fördern, die wir alle als große Gefahr sehen. Ausgrenzung und Diffamierung stand auch am Beginn der Auslöschung des europäischen Judentums. Wir brauchen in unserem Land keine Kulturkampfrhetorik, denn wir wissen, wie leicht der Übergang zur Tat ist.

 

Es belastet mich auch zutiefst, wenn ich sehe, wie an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Menschen, egal ob Ausländer oder schon länger hier Ansässige, gegen noch ärmere ausgespielt werden. All jene, die sich für ein friedfertiges Miteinander einsetzen und in Notsituationen Hilfestellung leisten, als naive Gutmenschen zu diffamieren und das Loblied der egoistischen „Leistungsträger“ zu singen, ist einer, den europäischen Werten verpflichteten Gesellschaft, unwürdig.

 

Was mich allerdings am zutiefst traurig macht, das ist die mangelnde Sensibilität all jener Christinnen und Christen, die keine Verbindung zwischen dem herstellen, was unser belastetes historisches Erbe als Kirche und auch als Wählerinnen und Wähler einer konservativen Partei ist. Ich warte vergebens auf die Wortmeldungen all jener, die die ÖVP gewählt haben und die mit der derzeitigen Politik der Spaltung und Ausgrenzung nicht einverstanden sind. Ein mutiges „christlich geht anders“ wäre jetzt dringend angebracht, um nicht erneut schuldig zu werden.

Traude
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