Dienstag 21. November 2017

Traude Novy

13. Nov 2017

Lustvoll verändern

von Traude Novy am 13. November 2017, 11:36 Uhr

Das Wahlergebnis vom 15. Oktober beschäftigt mich noch immer. Es haben zwei Parteien diese Wahl gewonnen, die sich Veränderung auf ihre Fahnen geheftet haben. Meiner Meinung nach wurden sie aber vorwiegend von Menschen gewählt, die sich von der Politik Veränderung wünschen, damit sich ihr Lebensumfeld und sie selbst sich nicht verändern müssen. Die Wählerinnen und Wähler der Liste Kurz und der FPÖ scheinen vor den wirklichen Zukunftsfragen zurückzuschrecken und haben sich deshalb im Wahlkampf einreden lassen, dass zu hohe Steuern, Ausländer, Islamisierung und „Zuwanderung ins Sozialsystem“ an den Problemen Arbeitslosigkeit, der zunehmenden  Ungleichheit und an der tiefen Verunsicherung, die viele Menschen erfasst, schuld seien. Ein Freund versuchte es mir zu erklären, indem er sagte, ich müsse doch die Angst der Menschen vor Überfremdung verstehen. Muss ich das?

Gesellschaftlicher Wandel ist gefragt

 

Vielen von uns ist es noch nicht bewusst, aber wir leben in Zeiten eines großen gesellschaftlichen Wandels, vergleichbar mit der Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Der zunehmende Machtverlust politischer Entscheidungsträger gegenüber weltweit agierender Großkonzerne unter den Rahmenbedingungen der von niemandem mehr seriös zu leugnenden  Erderwärmung mit all ihren ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgewirkungen, verlangt nach einem tiefgreifenden Wandel.

 

Gleichzeitig  erleben wir eine massive Veränderung  der Kommunikation und der Arbeitswelt durch Digitalisierung und eine rasant wachsende Kluft zwischen armen und reichen Menschen in unserem Land und weltweit. Dieser große gesellschaftliche Wandel erfordert  mutige Haltungen und neue Antworten.  Problematisch erscheint mir in diesem Zusammenhang die Unbeweglichkeit der Bildungsverantwortlichen, die nicht wahrhaben wollen, dass all das und der Verlust an Begegnungs- und soziale Lernmöglichkeiten für Kinder im öffentlichem Raum nach anderen Angeboten im Bildungssystem verlangen, als nur das Trainieren der Fitness für den Arbeitsmarkt.  

 

Europa als Wertegemeinschaft

 

Manchmal denke ich mir auch, dass die gerade im kirchlichen Umfeld so positiv besetzte Subsidiarität oft nur eine beschönigende Ausrede dafür ist, weder das Steuersystem, noch das Sozialsystem in der EU so umzugestalten, dass dieses vereinte Europa eine echte Chance hat.  Ich kann die Floskeln von der Europafreundlichkeit und vom „Glühenden Europäertum“ politisch Verantwortlicher  nicht mehr hören, weil sie mit keinerlei  Inhalt gefüllt werden. Ja, und auch Flüchtlinge und Zuwanderer aus vorwiegend muslimischen Ländern sind eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

 

Denn wenn wir von europäischen Werten sprechen, dann müssen wir sie auch leben. Die Einhaltung der Menschenrechte zeigt sich vor allem daran, wie wir mit fremden und benachteiligten Menschen umgehen. Das ist eine echte Anfrage an unsere viel gepriesene  Wertegemeinschaft  und oft auch eine Gratwanderung.

 

 

Der Druck zur „Selbstoptimierung“ entsolidarisiert

 

Ich will die Probleme vieler Menschen in unserem Land nicht klein reden. Es ist ein trauriges Schicksal arm in einem reichen Land zu sein, noch dazu wenn man mehr oder weniger immer hört „Selber schuld“ weil keine Ausbildung. Der Wandel in der Arbeitswelt, die neoliberale Pflicht zur „Selbstoptimierung“,  lässt viele Menschen zurück, die noch in meiner Jugend als „Hilfsarbeiter“ ihr Leben lang einen Job hatten  (obwohl auch sie nicht „sinnerfassend“ lesen konnten). Diese Jobs gibt es nicht mehr, aber es sind nicht alle Menschen befähigt, in kürzester Zeit eine qualifizierte Berufsausbildung zu absolvieren.

 

Als ich in den Beruf einstieg, war es selbstverständlich, dass man einige Zeit „eingeschult“ wurde, heute muss man vorher so viele Praktika gemacht haben, dass man als vollwertige Arbeitskraft beginnt, wenn man dafür bezahlt werden will.   Diese Tatsache würde danach verlangen, gerade den Kindern aus „bildungsfernen Schichten“ die besten LehrerInnen und die besten Schulen zu ermöglichen, um das zumindest teilweise aufholen zu können, was ihnen an Chancen von Geburt an vorenthalten wurde – das Gegenteil ist zumeist der Fall.  Es ist kein Wunder, wenn diese von der Gesellschaft an den Rand gedrängten Menschen ihr Heil bei einer Partei suchen, die ihnen die Schuldigen an ihrer schwierigen Lebenssituation am „Silbertablett“ serviert – die Ausländer und Flüchtlinge.

 

Angst vor Veränderung und Vielfalt

 

Dennoch, diese an den Rand gedrängten Menschen sind es nicht,  die eine rechte Mehrheit in Österreich ermöglichten. Es sind vielmehr Viele aus der bürgerlichen Schicht, deren Sehnsucht nach Veränderung sich am Lebensstil des 20. Jahrhunderts orientiert. Sie wählen deshalb jene Parteien, die ihnen rückwärtsgewandte Utopien vorgaukeln. Sie sehnen sich nach jener Zeit, wo die „freie Autofahrt für den freien Bürger“ noch nicht vom Wissen um den CO2 Ausstoß und Klimawandel getrübt war, sie wünschen sich Städte ohne Frauen mit Kopftuch, ohne  Vielsprachigkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln, ohne billige Arbeitskräfte aus EU-Partnerstaaten und ohne junge Männer, die hier bei uns bleiben wollen, weil sie zu Hause verfolgt und bedroht wurden.

 

Aber die Veränderung zu mehr Vielfalt hat ja längst stattgefunden und auch jene bürgerlich Verängstigten genießen es, dass es in jedem Grätzel von Wien chinesische, griechische, indische und in letzter Zeit auch afghanische Lokale gibt – dort erfreuen sich die meisten Bürgerinnen und Bürger sehr wohl an der geordneten Exotik.  Die Reichhaltigkeit unserer Märkte ist dank der Zuwanderer aus vielen Weltgegenden mit dem traurigen Angebot vor 30 Jahren nicht zu vergleichen.

 

Das was vor Jahrzehnten nur abenteuerlustigen Jungen möglich war, nämlich afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Lebenswelten kennen zu lernen, gönnen sich heute mittels Kreuzfahrt sogar ziemlich ältere Semester. Weshalb also die Angst vor „Überfremdung“ ? Diese Angst richtet sich ja nicht gegen jene alles beherrschenden Touristenscharen am Stephansplatz, die sich oft ziemlich gewöhnungsbedürftig  benehmen,  sondern  ausschließlich gegen arme Zuwanderer und Flüchtlinge.

 

Hinschauen und den Wandel mitgestalten

 

Wenn wir ehrlich sind, so wissen wir, dass wir in  einem der reichsten Ländern der Welt leben mit einer ziemlich einzigartigen Lebensqualität für die meisten von uns, was Sicherheit und öffentliche Infrastruktur betrifft. Unsere Politikerinnen und Politiker haben die Krise von 2008 besser bewältigt, als viele andere. Wir haben also sehr gute Ausgangsbedingungen, um uns dem gesellschaftlichen Wandel zu stellen und ihn gemeinsam zu gestalten.

 

Wieso verschließen dennoch viele Menschen die Augen vor dem diffusen Wissen um die wirklich nötigen Veränderungen und suchen ihr Heil in einer inhumanen Flüchtlings- und Ausländerhatz und in kleinlichen Steuersparplänen? Haben all jene, die das Wort Veränderung ständig im Munde führen, wirklich ein Interesse an echten Veränderungen oder fordern sie diese nur ein, damit sie sich selbst nicht verändern müssen und ihre kleinbürgerliche Welt unverändert bleiben kann?

 

Eigentlich ist es ganz einfach was die beiden siegreichen Parteien im letzten Wahlkampf praktiziert haben–die alte Suche nach Sündenböcken, um die tieferliegenden Probleme, die meist sehr komplex sind, nicht anschauen zu müssen. Dabei könnte es doch lustvoll sein, echte Veränderungen und den gesellschaftlichen Wandel nicht nur zu ertragen, sondern ihn zu gestalten.

 

Solidarisches Potential im persönlichen Lebensumfeld entdecken

 

Das betrifft unser ganz persönliches Lebensumfeld, wo wir eine  nachhaltige Lebensweise einüben können, ebenso wie das Einfordern von mehr Solidarität innerhalb unseres Gemeinwesens und mehr internationale Zusammenarbeit statt eines grenzenlosen Konkurrenzdenkens.   Dazu müssten Menschen zusammenkommen und ihre Ideen und Vorstellungen für ein gutes Leben für alle miteinander zu besprechen.

 

Unsere Pfarrgemeinden mit ihrem großen solidarischen Potential könnten Träger dieser  echten Veränderungen unserer Lebenswelt sein und sind es teilweise schon. Papst Franziskus weist uns da klar den Weg. Die Initiative „Pfarrgemeinde FairWandeln“ und der solidarische Aufbruch in den Kirchen unter dem Motto „Christlich geht anders“ bieten uns allen die Möglichkeit den Wandel zu gestalten.

 

Ein anderer Umgang mit an den Rand gedrängten Menschen, mit den Herausforderungen der Erderwärmung und mit wirtschaftlichen Fragen  verlangt von uns aber auch, dass wir öffentlich Stellung beziehen und uns in die Politik einmischen. Nebulose und narkotisierende Veränderungsversprechen ohne Substanz sollten keine politische Verführungskraft für uns haben.

Traude
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