Traude Novy

03. Mar 2020

Der Opernball als Spiegelbild einer Feudalgesellschaft

von Traude Novy am 03. March 2020, 11:06 Uhr

Ich halte es für eine große Lobbyleistung von Seiten der Unternehmer, dass sie den Begriff Wirtschaft total für sich vereinnahmen konnten. Realistisch betrachtet, sind sie ja nur ein sehr begrenztes Spektrum dessen, was Wirtschaft ausmacht.

Es beginnt schon damit, dass es eine Arbeiterkammer gibt, die die Interessen der Arbeitnehmenden vertritt, aber eine Wirtschaftskammer, die für die Interessen der Unternehmer steht und richtigerweise Unternehmerkammer heißen müsste, denn wirtschaften tun wir alle in unseren verschiedensten Lebensbereichen, als Firmenchefs, Angestellte, Haushalt führende, im Bildungs- und Care-Bereich und auch als informell und illegal tätige Personen.

 

Vom Geben und Nehmen der Arbeit

 

Außerdem halte ich die Begriffe „Arbeitnehmer“ und „Arbeitgeber“ ebenfalls für hinterfragenswert. Weil es eben kein einseitiges „Geben“ und „Nehmen“ von Arbeit ist, sondern ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, wo die Arbeitenden und Angestellten ihre Arbeitskraft „geben“, also auch als Arbeitgebende bezeichnet werden könnten und die Unternehmenden diese ja auch in Anspruch „nehmen“. Sprache schafft Bewusstsein und deshalb halte ich es für klug, eingefahrene Denkmuster auch sprachlich zu hinterfragen.

 

Spannend finde ich es auch, dass das Wort Lobbying ob diverser seltsamer Vorgänge – zuletzt bei der Beschaffung der unsäglichen Eurofighter, doch ein wenig in Verruf geraten ist. Etwas sensibler sind die Bürgerinnen und Bürger doch geworden, denn auch das Wort „Anfüttern“, das früher für die Zuwendung an Menschen, die einem noch mal nützlich sein könnten, verwendet wurde, ist ziemlich aus der Mode gekommen.

 

Auch sind die Zeiten vorbei, wo man Schmiergeld für Potentaten aus nichteuropäischen Ländern als außerordentliche Belastung ohne Belege von der Steuer absetzen konnte. Heute wird deshalb nicht lobbyiert und nicht angefüttert, heute wird genetzwerkt. Das war früher eine Strategie im NGO Bereich, aber wie so vieles  hat die For-Profit-Wirtschaft diesen Begriff für sich okkupiert.

 

Diese Profit orientierte Netzwerke sind allerdings eher in Form von Karriereleitern geknüpft, die ganz feste Knoten zum Halten brauchen. Einer dieser mächtigen „Verknüpfer“ hat sich allerdings am Opernball recht ungeschickt geoutet. Er meinte, in einer von seinen Mitgliedern bezahlten Loge (Mietpreis ca. 23.000,--€), man tränke nur Mineralwasser, weil man ja sparsam mit den Beiträgen der Mitglieder umgehe.

 

Der Opernball als Spiegelbild einer Feudalgesellschaft

 

Gerechtfertigt hat er die Kosten der Logen dann mit der Aussage, dass ja bei solchen illustren Gelegenheiten wichtige Netzwerke für die Wirtschaft geknüpft würden. Dass es allerdings nötig war, dort mit Andreas Treichl sicher nicht nur mit Mineralwasser anzustoßen, wundert ein wenig, denn das Netzwerk mit ihm dürfte doch schon über Jahrzehnte ziemlich tragfähig sein und keiner neuen Verknüpfungen bedürfen.

 

Eine besondere fiese Peinlichkeit war es dann allerdings, als Andreas Treichl meinte, die wirklich großen Champagnerflaschen stünden in den Logen der Industriellenvereinigung und der Arbeiterkammer. Diese Behauptung blieb natürlich von der Industriellenvereinigung undementiert – deren Mitglieder stehen ja dazu, sich standesgemäß zu verköstigen. Die Arbeiterkammer allerdings war verwirrt, denn am Opernball gab es noch nie eine von ihr finanzierte Loge.

 

Was nützt da ein Dementi – gesagt ist gesagt und noch dazu von einem der es eigentlich besser wissen müsste. Unter dem sozialen Mäntelchen der gönnerhaften Wohltätigkeit, das Andreas Treichl sonst gerne trägt, schimmerte da einiges an klassenkämpferischer Bosheit durch.

 

Der Opernball, als Ball der Republik ist übrigens auch ein Spiegelbild der „gehobenen“ Kreise in Österreich. Da ist die Regierungsloge umringt von Logennutzern, die für ihre Anwesenheit dort ihre Unternehmen zahlen lassen, die diese Ausgaben sicher wieder steuerlich nutzen können. Zusätzlich werden dann Prominente aus Kunst, Kultur und Sport zum Aufputz in die Logen geladen. Ausländische Politik- und Wirtschaftstreibende nehmen solche Einladungen ebenfalls gerne an. Bezahlt wird allerdings nicht von jenen, die es sich locker leisten könnten, sondern auf dem Umweg der Steuerminderung auch von der Allgemeinheit.

 

Dann gibt es noch das Gros der ebenfalls wohlhabenden Ballbesuchenden, die sich diese Nacht privat einiges kosten lassen, weil sie eben beim großen Who is Who nicht fehlen möchten. Sie sind sichtlich nicht kleinlich und gönnen den näher an den Futtertrögen der Republik angesiedelten ihren Gratisaufenthalt beim Ball – dabei sein ist eben alles.

 

Inszeniert wird das Spektakel vom öffentlich rechtlichen Rundfunk, der die einzig gewinnbringende Nacht der Wiener Oper in unser aller Wohnzimmer bringt und so  den Aufmarsch der Reichen und mehr oder weniger Schönen zu einem nationalen „Event“ macht. Und auch wenn wir daheim augenzwinkernd die Balletteinlagen, die Sänger und das „Jungdamen- und Jungherrenkomitee“ bewundern, spätestens bei den oft entlarvenden Interviews mit diversen Prominenten sollte uns klar sein, dass wir da als Bürgerinnen und Bürger Zuseher bei der Inszenierung einer Feudalgesellschaft sind.

 

Zeitgemäße Forderung: 35-Stundenwoche

 

Dazu passt es ganz gut, dass eben jener Präsident der Unternehmerkammer, die sich zwei Opernballlogen mit allem drum und dran kolportierte € 80.000,-- kosten lässt, in einem Interview die Forderung der Arbeitenden in der Sozialwirtschaft nach einer 35-Stundenwoche als Jobvernichtungsmaschine bezeichnet.

 

Er verschwendet sichtlich keinen Gedanken daran, dass das Gros derer, die an die  „Wirtschaftskammer“ Mitgliedsbeiträge zahlen, Kleinst- Klein- und Mittelbetriebe sind. Sie sind es, die die meisten Jobs in Österreich schaffen und ich hoffe, dass diese Kammer auch die Vertretung der notleidenden Sozialwirtschaft wahrnimmt. Es wäre vielleicht klug, wenn sich der Präsident in diesem Wirtschaftsumfeld kundig machte, das zwar lebensnotwendig, aber nicht am Opernball vertreten ist.

 

Vielleicht sollte er versuchen, für einige Stunden die Arbeit von Pflegekräften  oder anderen Care-Arbeitenden zu verrichten, um seinen beschränkten Wirtschaftsbegriff ein wenig zu erweitern. Denn nicht die Beschäftigten in der Sozialwirtschaft sind in den 70er Jahren stehengeblieben, wie Harald Mahrer meint, sondern Leute wie er, die nicht mitbekommen haben, dass die Arbeit mit und für Menschen nicht mit den Maßstäben der industriellen und digitalen Fertigung zu messen ist.

 

Gleichzeitig wäre es ebenfalls sinnvoll, in Zeiten massiver Rationalisierungen auch in den Produktionsbereichen die Arbeitszeit zu überdenken. Wäre er im hier und heute angekommen,  könnte er so unsägliche Äußerungen wie jüngst im Fernsehen nicht treffen: „Wir werden in Österreich mit einer generellen Arbeitszeitverkürzung das Licht abdrehen.

 

Dann können wir uns alle weiße Leintücher umhängen und geordnet zum wirtschaftspolitischen Friedhof marschieren.“ Vielleicht sollte diesem Herrn jemand sagen, dass es die letzte wirkliche Arbeitszeitverkürzung vor 45 Jahren gegeben hat und die gerechte Verteilung der Rationalisierungsgewinne zwischen den Sozialpartnern, die damals im Gegensatz zu heute üblich war, dafür gesorgt hat, dass Österreich eines der reichsten Länder der Welt wurde.

comments powered by Disqus
Traude
Novy
© 2020 | Impressum | Intern
Darstellung: