Traude Novy

10. Feb 2020

Wir sind Kirche

von Traude Novy am 10. February 2020, 16:47 Uhr

Es ist sicher kein Zufall, dass mir in letzter Zeit immer wieder Menschen begegnen, die ihren ethischen Lebenskompass von ihrer kirchlichen Sozialisation herleiten, obwohl sie sich von ihrem kirchlichen Umfeld oft weit entfernt haben.

In der Selbstbeschreibung einer Kandidatin für die Wiener Gemeinderatswahl lese ich: „gesellschaftspolitisiert wurde ich von der Jungschar.“

 

Ein Pionier der Bio-Bewegung sagt in einem langen Zeitungsinterview, dass er deshalb Wegbereiter des biologischen Landbaus wurde, weil er von der katholischen Jugend und nicht von der „Landjugend“ herkam.

 

Ein junger Theologe, der Nationalratsabgeordneter der Grünen ist, antwortet auf die Frage, ob Grünpolitiker und Theologe nicht ein Widerspruch wären, dass die Behütung der Schöpfung doch ein katholischen Grundanliegen wären, und sein Werdegang deshalb logisch.

 

Das sind nur drei Beispiele - es gäbe noch viel mehr – z.B. Qualitätsweinbauern aus dem Burgenland, biodiverse-Gemüsezüchter usw. – die gesellschaftspolitisch tätig sind und ihre ethische Grundhaltung der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit verdanken.

 

In den Jahren meines Engagements für FAIRTRADE war ich oft dabei, als Faire Gemeinden ausgezeichnet wurden. Fast immer waren die Initiatorinnen dafür Frauen aus dem Umfeld der Katholischen Frauenbewegung. Wir katholische Frauen haben in allen politischen Lagern einen guten Ruf, weil sich unsere Organisation vorbehaltslos auf die Seite benachteiligter Frauen stellt. Von der Mitgliedschaft bei der Armutskonferenz über das Engagement in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, bis zu der Initiative „Pfarrgemeinde-Fair Wandeln“, überall sind katholische Frauen federführend beteiligt und wird ihre Mitarbeit hochgeschätzt. Nur von der Kirchenleitung gab es immer wieder Kritik an ihrer feministischen Grundhaltung.

 

Da ich sehr viele Kontakte zu sozial und politisch tätigen Menschen habe, erstaunt es mich nicht mehr, wenn mir viele von ihrer Vergangenheit als Sternsinger, als Teilnehmende an Jungscharlagern, als Ministrantinnen erzählen. Es ist auch evident, dass es in der kirchlichen Sozialisation so etwas wie einen kreativen Freiraum gibt, denn viele Kabarettisten und Schauspielerinnen haben eine Kindheit im kirchlichen Umfeld verbracht. Warum aber haben sich diese Menschen im Laufe ihres Lebens von der Kirche entfernt? Und wieso haben Verantwortliche in der Kirche keinen Blick dafür, welchen Schatz sie mit ihrer weltoffenen Kinder- und Jugendarbeit haben? Wieso schätzen sie das Engagement der Frauen und das soziale Engagement in der Arbeitnehmer- und Arbeitnehmerinnenbewegung noch immer so gering?

 

Seit den 80er Jahren, wo ich begann, mich als Funktionärin für die Katholische Kirche zu  engagieren, wurden von der Amtskirche die Aktivitäten dieser Organisationen kritisch beäugt und die Mittel für diese Arbeit im Herzen der Gesellschaft stetig gekürzt. Für jede Äußerung, die nicht in das konservative Weltbild der meisten Kirchenleiter passte, musste man sich rechtfertigen. Ich erlebte den Zwiespalt zwischen Anerkennung unserer Arbeit durch Gleichgesinnte aus anderen Organisationen und den Drohgesten durch die Kirchenleitung ständig.

 

Welch anderen gesellschaftlichen Stellenwert hätte Kirche heute, wären nicht viele Vertreterinnen und Vertreter einer weltoffenen, solidarischen, der Befreiungstheologie verpflichteten Kirche mehr oder weniger aus dieser hinausgedrängt worden, oder haben sich abgewandt, weil in dieser Gemeinschaft wenig ihren Vorstellungen von Christentum entsprach.

 

Statt sich gesellschaftspolitisch und theologisch zu öffnen,  wurde von der Kirchenleitung (allerdings nicht nur in Österreich, sondern weltweit) viel Energie und Geld in die Strohfeuer von Einmalevents und elitären Gemeinschaften investiert. Durchgetragen wird die Kirche allerdings überall von den verbliebenen engagierten Menschen in den Pfarrgemeinden, die aber ziemlich allein gelassen werden. Die Katholische Aktion und ihre Teilorganisationen können ihrer Aufgabe der gesellschaftspolitischen Bildung und der Vernetzung der Pfarrgemeinden und damit Stärkung christlicher Anliegen kaum mehr nachkommen. Zusehr wurden sie in den letzten Jahren ausgehungert und haben sich auch, wie immer in solchen Situationen auseinanderdividieren lassen.

 

Wir sollten uns auch ehrlich anschauen, wie sehr der Riss, der durch die österreichische Gesellschaft geht, auch die Katholische Aktion und die Pfarrgemeinden spaltet. Die nicht sehr hilfreiche „christliche Tugend“ des unter den Teppich Kehrens von Konflikten, hat dazu geführt, dass sich zunehmend mehr Menschen von der Kirche abwenden, weil sie nicht mehr wissen, wofür Christinnen und Christen stehen. Es wäre zuviel verlangt, wenn Bischöfe bei allem mitzögen, was engagierte Menschen in der Kirche vertreten, aber gewähren lassen und Freiraum für Auseinandersetzungen geben, wie es sichtlich in der Jungschar und der Katholischen Jugend immer möglich war, würde ein anderes Bild von Kirche ergeben, das vielleicht auch jene anzieht, die mal bei ihr zu Hause waren und ihr längst den Rücken gekehrt haben.

 

Ich fände es spannend, wenn die Katholische Aktion es schaffen würde, einige von jenen ehemaligen Jungscharkindern, die jetzt ihr gesellschaftliches Anliegen abseits der Kirche zu verwirklichen versuchen, einzuladen, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen und von ihrer Sichtweise auf Kirche und der Kritik an ihr profitieren zu können.   

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