Traude Novy

07. Jan 2020

Schöne neue Welt

von Traude Novy am 07. January 2020, 10:28 Uhr

In letzter Zeit ziehe ich das nizäische Glaubensbekenntnis das da lautet: „Gott, der alles geschaffen hat, die sichtbare und die unsichtbare Welt“ ein wenig in Zweifel. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Gott etwas mit jener unsichtbaren Welt zu tun hat, die derzeit große Teile unseres Lebens bestimmt – mit der Digitalisierung.

Diese Welt erfüllt viele Voraussetzungen, die auch für die sichtbare Welt gelten. Es gibt zum Beispiel Bürger und Bürgerinnen dieser Welt, die sich als „Natives“ bezeichnen dürfen, also als Eingeborene. Diese sind allerdings selten älter als 30 Jahre und sind in dieser Welt zu Hause. Die meisten von ihnen ziehen die schwer durchschaubare Herrschaftsform der Codes, Pins, Apps und Cookies nicht in Zweifel und spielen nach deren Regeln, die sie zwar auch nicht verstehen, aber gut nutzen können. Die Mehrzahl der Bewohner dieser unsichtbaren Welt sind allerdings sogenannte „Immigrants“, die irgendwann einmal in dieses System eingewandert sind und die sich zunehmend deren Regeln beugen müssen, um nicht auch ein stückweit von der sichtbaren Welt ausgeschlossen zu sein.

 

Diese unsichtbare Welt der facebooks, googles, instagrams und whatsapps macht es Immigranten genauso schwer bei ihr einzuwandern, wie die sichtbaren Länder und Erdteile es Menschen ermöglichen, Grenzen zu überwinden. Es werden digitale Mauern errichtet, die für viele nicht bezwingbar sind und Grenzen gezogen, die es für die meisten verunmöglichen, sich in diesem System zu Hause zu fühlen. Die in dieser Welt übliche Sprache ist hierzulande ein für nicht Eingeweihte unverständliches Denglisch – eine Mixtur aus Deutsch und Englisch, vergleichbar mit der Sprache der afrikanischen Sklaven in den USA.  Für Menschen, die mit der Denkweise der Native-EDV-Speaker wenig vertraut sind, wird ein sinnerfassendes Lesen von Erklärungen für den Gebrauch der digitalen Kommunikation zu einer unüberwindlichen Hürde.

 

Das oberste Gebot in dieser Welt scheint allerdings wie in der realen Welt, das Wort Sicherheit zu sein. Je unsicherer es gerade wegen dieser Technologie wird, umso mehr wird eine Pseudosicherheit großgeschrieben, die vor allem uns digital Zugewanderten das Leben schwer macht. Es müssen unzählige Barrieren überwunden werden, um ans Ziel zu kommen. Gleichzeitig werden Daten in einer nicht durchschaubaren Weise von eigens damit ihr Geld verdienenden Organisationen genutzt, um uns zu gläsernen KonsumentInnen und BürgerInnen zu machen. Demokratie war gestern, Mitbestimmung und Transparenz sind Fremdwörter in den Netzwerken, die sich - kein Mensch weiß warum - „soziale Netzwerke“ nennen. In dieser unsichtbaren Welt, werden selbst Arbeitsuchende mittels Algorithmen in Vermittelbare und Unvermittelbare getrennt. Der nach oben und nach unten gerichtete Daumen ist Symbol für diesen Umgang mit Menschen. Es ist ein nettes Detail am Rande, dass unser ehemaliger Finanzminister sichtlich auch über einem solchen nach oben zeigenden Daumen auf seinem Handy gestolpert ist.

 

Ich fühle mich in dieser Welt mehrfach diskriminiert, denn ich gehöre zur Generation derer, die zumeist schon am Eintritt in die Neue Welt scheitern. Viele meiner Freunde, die ihr Haus altersbedingt kaum mehr verlassen können, haben keinen Computer und meist nicht einmal ein Smartphone. Gerade für uns wäre diese  Kommunikationsform aber die einzige, die wir noch aufrecht erhalten könnten, aber wir sind keine Zielgruppe derentwegen man eine einfach zu handhabende Technologie entwickeln würde. Die früher übliche Form, ganz simpel per Telefon mit amtlichen Stellen kommunizieren zu können, hat sich ebenfalls aufgehört, man landet nur mehr in Call-Centers -  „….dann wählen Sie die Eins“ - und in endlosen Warteschleifen. Noch nervender ist die nächste Stufe, wo ich mittels Spracherkennung verbunden werden soll – meine krächzende Altfrauenstimme kann sichtlich kein Gerät elektronisch erkennen.

 

Als mein Mann vor Kurzem eine Verständigung der Post bekam, dass er einen Brief am Postamt abholen sollte, ich dort aber anrufen wollte, um zu bitten, diesen Brief noch einmal zuzustellen, da mein Mann das Haus nicht mehr verlassen kann, musste ich erfahren, dass man Postämter nicht mehr telefonisch erreichen kann, sondern ebenfalls nur mehr bei einem Call-Center landet, wo man wieder endlos in einer Warteschleife hängt. Es ist schon skurril, dass gerade der älteste Konzern, der für Kommunikation steht, sich der direkten Kommunikation verweigert. Bei Banken, Kreditkartenfirmen, Lebensmittelketten, ÖBB usw. überall das gleiche System, man kommt nur mehr an ausgelagerte Stellen, wo Menschen dafür bezahlt werden, sich telefonisch beschimpfen zu lassen. Denn sie sind die einzigen, die man als unzufriedene Kundin erreichen kann. Wo sind die Zeiten, wo man mit seinen Anliegen noch die zuständigen Personen direkt sprechen konnte und wo dann allerdings auch diese Personen wussten, wo in ihrem Verantwortungsbereich etwas nicht stimmt.

 

Als ich vor Kurzem dem Filialleiter meines Lebensmittelgeschäfts empfahl, eine Reklamation, die wie er mir sagte, viele Kunden bei ihm deponiert haben, doch an die nächst höhere Stelle weiterzuleiten, da ich selbst mit meiner Beschwerde immer wieder nur in einem Call-Center lande, meinte dieser, ihm ginge es auch nicht anders.

 

Mir drängt sich seit längerer Zeit ein Bild auf. Da sitzen die Konzernmanager mit ihren Beratern und den IT-Kapazundern und entwerfen digitale Möglichkeiten, die ihnen das Leben erleichtern und die vor allem das Teuerste was sie haben, nämlich das Personal, minimieren und alle anderen lästigen Menschen vom Leibe halten sollen. Weiters soll mittels digitaler Mittel  jeglicher Kontakt mit der realen Welt unterbunden werden. Es ist ihnen schnurzegal, wie es denen geht, die auf ihre Dienstleistungen angewiesen sind, denn sie leben in der neuen unsichtbaren Welt, die von Zahlen und Algorithmen regiert wird. Um ja eine große Distanz zwischen der sichtbaren und ihrer unsichtbaren Welt zu schaffen, halten sie sich Lohnsklaven in ausgelagerten Kommunikationsbetrieben, die alles abfedern und Aggressionen, die entstehen, weil man sich als Bürgerin in einer kafkaesken Welt wiederfindet, von ihnen fernhalten. Diese Betriebe sind dann oft dort angesiedelt, wo es für die Unternehmen am billigsten ist – was die Kommunikation auch nicht unbedingt erleichtert.

 

Dass die Globalisierung nicht die Königsidee war, wie man uns einreden wollte, merken mittlerweile allein wegen der Klimakrise viele, dass aber auch die Digitalisierung kein gottgleiches System ist, sondern kontrolliert und beschränkt werden muss und eben nur ein Werkzeug ist, das uns Menschen zu dienen hat und keine unsichtbare Weltregierung, das muss sich noch herumsprechen. 

Traude
Novy
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 01 02 03 04 05
06 07 08 09 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 01 02
© 2020 | Impressum | Intern
Darstellung: