Traude Novy

19. Aug 2019

Jö – schau

von Traude Novy am 19. August 2019, 23:46 Uhr

Wohin ist die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmannes gekommen, der uns in der Schule als nachzueiferndes Beispiel gezeigt wurde? Heute hat sich alles in ein Kasino verwandelt, wo es auch beim Einkauf der Güter für den täglichen Gebrauch nicht um Versorgung, sondern ums Gewinnen geht.

Seit Kurzem bin ich Club-Mitglied, allerdings geht es da nicht so exklusiv zu, wie in jenem in Saint Tropez, den Pamela Rendi Wagner in ihrem Urlaub besuchte. War allerdings nicht sehr klug von ihr, sie hätte sich doch denken können, dass dort irgendein ÖVP Anhänger ebenfalls das luxuriöse Ambiente genießt und sie vernadern wird.

 

Vielleicht hätte sie lieber meinem Club beitreten sollen, um sich mit vielen vielen anderen an der Supermarkt Kasse anzustellen. Dort hätte sie dann der Kassiererin die Club-Karte vorzeigen können, damit sie auch einige Ös auf ihr Club-Konto gutgeschrieben bekommt, um die sie dann im nächsten Monat vielleicht billiger einkaufen kann.

 

Natürlich schäme ich mich, dass ich das Angebot der vereinigten Konzerne angenommen und jö-Clubmitglied geworden bin. Weiß ich doch, dass es sich dabei nur um einen Marketing-Schmäh handelt, dass es nun noch einfacher wird, meine Daten zu sammeln, zu vernetzen und für div. politische und wirtschaftliche Zwecke – siehe Cambridge-Analytika zu missbrauchen.

 

Aber warum soll gerade ich die Fantasiepreise der Lebensmittelkonzerne bezahlen, in denen die diversen 10 - 25 % Aktionen schon eingepreist sind? Natürlich wäre es sinnvoll, solche Konzerne überhaupt zu meiden und bei Bioläden und Märkten einzukaufen – aber wo finde ich die am infrastrukturell ausgehungerten Stadtrand, wo ich wohne?

 

Außerdem bin ich alt und selektiv einzukaufen kostet Kraft. Es gibt natürlich auch einen Diskonter, der sich dieser Rabattschlachten entzieht, aber von dem ist leider bekannt, dass er gerade die ihm zuliefernden Bio-ProduzentInnen ziemlich schikaniert. Und als letztes muss ich eingestehen, dass auch ich das neoliberale Denken internalisiert habe, gegen das ich ständig ankämpfe. Denn natürlich vergleiche ich Preise und freue mich über Schnäppchen. Das machen sich die Einzelhandelskonzerne zunutze.

 

Wohin ist die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmannes gekommen, der uns in der Schule als nachzueiferndes Beispiel gezeigt wurde? Heute hat sich alles in ein Kasino verwandelt, wo es auch beim Einkauf der Güter für den täglichen Gebrauch nicht um Versorgung, sondern ums Gewinnen geht.

 

Wie schön wäre es, wenn der Einzelhandel sorgfältig kalkulieren würde, dabei das Interesse der Zuliefernden und das der Konsumierenden mit beachtete und angemessene Gewinne erwirtschaftete. Das sind Träume aus längst vergangenen Zeiten. Wenn es um Gewinnmaximierung geht, prallen die Interessen aufeinander und das schwächste Glied zahlt drauf. Denn das Prinzip: je mehr ich einkaufe, umso billiger wird alles für mich, kommt jenen, die jeden Euro umdrehen müssen, sicher nicht zugute.

 

Das einzig Erfreuliche für mich ist, dass diese jö-Pflanzerei derzeit nicht aufzugehen scheint, denn es kennt sich niemand wirklich aus, die Software funktioniert sichtlich nicht, mir werden die seltsamsten Dinge abgezogen, oder auch nicht – ich bin daher in regem Mailwechsel mit den Beschwerde-Callcentern diverser Firmen. Ausbaden muss das allerdings wieder das Personal an den Supermarktkassen und an den Beschwerdestellen.

 

Die wirklich Verantwortlichen für das digitale Desaster, sei es in den Einzelhandelsfirmen oder bei dem ausgelagerten jö-software Betrieb schotten sich ab und sind weder mit Mails und schon gar nicht per Telefon erreichbar. Möglicherweise wissen sie gar nicht, was sie da anrichten, denn ich nehme an, dass sich ihre Angestellten kaum trauen, sich zu beschweren – es gibt genug, die diesen Job statt ihnen machen würden.

 

Was ist also zu tun? Mir fällt nichts anderes ein als dass ich zukünftig die jö-Konzerne eher meiden werde – aber wo kann ich mit besserem Gewissen  einkaufen? Vielleicht ist der türkische Händler vis-a vis vom jö-Supermarkt eine Alternative? Der vermittelt mir ein wenig nostalgische Gefühle und Erinnerungen an die Zeit, als meine Eltern ein Lebensmittelgeschäft betrieben, wo das Warenangebot mit dem heutigen in keiner Weise vergleichbar war, aber jene, bei denen gegen Monatsende das Geld knapp wurde, „aufschreiben“ lassen konnten und am Monatsersten dann bezahlten.

 

Allerdings weiß ich auch, wieviel Selbstausbeutung hinter solch kleinen Unternehmungen steckt und wie wenig der Gewinn mit den Arbeitsstunden korreliert. Es ist also noch viel zu tun und viel Gehirnschmalz wäre nötig, damit gerade im Bereich der Grundversorgung das gute Leben für alle möglich wäre. Aber vielleicht öffnet der Irrweg mit den jö-Punkten und 25 % Marken, die den Tageszeitungen beigelegt werden den Weg für ein sinnvolleres Wirtschaften gerade in diesem Bereich.

 

Übrigens weiß ich jetzt, wieso die unsäglichen Gratisständer für die Gratisblätter oft ein solches Kuddelmuddel beinhalten. Da haben findige Leute aus allen lagernden Zeitungen die 25% Pickerln herausgenommen und so ihr Budget beim Einkaufen deutlich aufgebessert. Soviel zur These, dass der Markt alles am besten regelt – höchste Zeit, dem Markt sinnvolle Regeln zu geben.

 

Übrigens haben uns die PR-Leute mit dem Slogan “jö-schau“, den sie von einem Schlager von Georg Danzer abgekupfert haben, die Fortsetzung des Textes, der allen Menschen meiner Generation sofort in den Sinn kommt, unterschlagen, sie lautet:

„Jö-schau, so a Sau, was macht ein Nackerter im Hawelka?“

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