Traude Novy

13. May 2019

Tut dies zu meinem Gedächtnis

von Traude Novy am 13. May 2019, 11:17 Uhr

Mich wundert es immer, wie sehr sich Christinnen und Christen einer Gedächtniskultur und dem Wandel in ihren alltäglichen Lebensvollzüge verweigern.

Der Sinn unserer Eucharistiefeiern besteht darin, das Gedächtnis an das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu in uns wach zu halten, damit wir daraus Kraft schöpfen, den Traum vom Guten Leben für alle Menschen zu verwirklichen. Auch die Erinnerung an die Propheten und Prophetinnen, in deren Tradition Jesu steht, hat Raum in unseren Liturgien.

 

Nicht „Verinnerlichung“ steht im Zentrum unseres Glaubens, sondern das Gestalten unserer Welt in  der gemeinsamen Nachfolge Jesu.  Das Durchdringen unserer Lebensgrundlagen in Gestalt von Brot und Wein mit dem Geist Gottes, ist Sinn und Inhalt der Wandlung in unseren liturgischen Feiern.


Deshalb wundert es mich immer, wie sehr sich Christinnen und Christen einer Gedächtniskultur und dem Wandel in ihren alltäglichen Lebensvollzüge verweigern. Im Zentrum unseres Glaubens steht nicht das sentimentale Gedenken, sondern die Vergegenwärtigung des Vergangenen, damit wir daraus Schlüsse für unser Handeln ziehen.

 

Viele wollen in der derzeitigen politischen Lage keine Parallelen zur Zwischenkriegszeit sehen. Ihr Erinnerungsvermögen beschränkt sich auf den Holocaust und den totalen Krieg. Dass dieser Katastrophe aber eine langsame Verrohung der Sprache, des Handelns und der Politik vorausgingen, wird ausgeblendet. Nationale Egoismen und Abwertung von Menschen und Menschengruppen tarnen sich derzeit wieder als Solidarität mit dem „Eigenen“ – die „Fremden“ und das „Andere“ werden im wahrsten Sinn des Wortes ausgegrenzt. Aber so und nicht anders beginnen Zerstörung und Vernichtung, so war es schon immer – es ist kein allzu weiter Weg vom Israel zur Zeit Jesu bis zu unseren heutigen Konfliktherden.


Ich denke, dass vieles von dem, was sich als ausgrenzende, ängstliche und selbstsüchtige Haltung zeigt, in dem unterdrückten Wissen drüber begründet ist, dass unsere Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandel braucht. Klimakrise, Umweltbelastungen und soziale Verwerfungen zeigen deutlich, dass diese verschwenderische Lebensform nicht zukunftsfähig ist. Dennoch sind so wunderbare Initiativen wie „Pfarrgemeinde verwandeln“ noch immer nicht im Zentrum unserer Kirchen angekommen.

 

Statt aktiver Lust auf Veränderung im Konsumverhalten, bei der Freizeitgestaltung und im solidarischen Miteinander, herrscht vielfach Angst vor dem Abstieg und vor der Zukunft. Aber „die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ (wie der Film einer jungen Aktivistin heißt), wir könnten es doch einmal mit unserer christlichen Hoffnung und Mut zum Wandel versuchen.


Unsere Regierung gibt uns dazu allerdings ein denkbar schlechtes Beispiel. Der Bundeskanzler begründet die sicher sinnvolle Steuerreform so: „Wir geben den Menschen zurück, was der Staat ihnen in den letzten Jahren weggenommen hat.“ Welches Staatsverständnis liegt einer solchen Aussage zugrunde? Unser sozialer Friede seit 74  Jahren beruht auf der Einrichtung des Sozialstaats.

 

Der Staat nimmt uns nichts weg, sondern es gilt die breite Übereinkunft, dass er für den sozialen Ausgleich, für Infrastruktur, Grundversorgung, Gesundheitswesen, Bildungseinrichtungen kulturelle Einrichtungen usw. zuständig ist und auch als letztes soziales Auffangnetz fungiert. Dass es einen sparsamen Umgang mit dem Geld der Bürgerinnen und Bürger braucht und auch eine wirksame Kontrolle ist ja wohl selbstverständlich – aber bei aller Kritik -  Österreich gilt in vielerlei Hinsicht als Vorzeigeland.

 

Ein Staat, der den Bürgerinnen und Bürgern „was wegnimmt“ ist kein demokratischer Rechtsstaat, sondern ein feudaler Obrigkeitsstaat – ist das, das Bild, das unser Bundeskanzler im Kopf hat? Geht seine Geschichtsvergessenheit so weit, dass er in einem Land mit dem Feuer spielt, das noch im vorigen Jahrhundert schmerzhafte Erfahrungen mit Unrechtsstaaten und Diktatur gemacht hat?

 

Wir sind Bürgerinnen und Bürger eines Gemeinwesens in dem es die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Justiz gibt, an dem wir mitgestalten und wo wir auch mitsprechen können. Wir brauchen keine Geschenke einer obrigkeitstaatlichen Regierung, sondern verantwortungsbewusste gewählte Verwalter, die mit den ihnen anvertrauten Mitteln so umgehen, dass in diesem Land niemand ausgegrenzt wird und Chancengleichheit für Alle besteht.

    
Um aber nicht nur Negatives zu berichten. Ich wurde in letzter Zeit auch Zeugin eines sich still vollziehenden Wandels. Anlässlich des Friedenslaufs, der heuer im Augarten stattfand, kehrte ich in die Gegend meiner Kindheit zurück. Als ich bei der U-Bahnstation Taborstraße die Rolltreppe hinauffuhr, fiel mir sofort das Gasthaus „zur Reblaus“ auf, das hat mich schon als Kind fasziniert. Dass vis-a-vis statt des Bayrischen Hofs jetzt ein Mc. Donalds seine Dienste anbietet, ist sichtlich unvermeidbar. Ein paar Häuserblocks weiter, dann meine Schule, „die Kleine-Sperlgasse“ – klein nicht nur die Gasse, sondern auch das Gymnasium. Aber es wird eben renoviert und sichtlich den heutigen Erfordernissen angepasst.

 

Weiter dann zum Augarten, wo ich mich noch an die „Gstett’n zwischen Augartenmauer und Augartenstraße auf unserem täglichen Schulweg erinnere. Ich staunte nicht schlecht, als ich dort eine Urban Gardening Anlage und viele Hobbygärtnerinnen sah – da hat sich doch wohl was äußerst positiv gewandelt! Weiter im Augarten dann, die Flaktürme als Mahnmale und Orientierungspunkte meiner Kindheit, aber auch viele Spielplätze, das Kinderfreibad seit der Zwischenkriegszeit immer noch, oder schon wieder in Betrieb. Die Sportanlage, die unser Jungscharkaplan für uns am Samstag öfters gemietet hatte, gepflegt und sichtlich genutzt.

 

Ja, und dann war ich beim Augartentor, das in die Gasse meiner Kindheit führt.  Meine Eltern mussten dort ihr Lebensmittelgeschäft in den 80er Jahren schließen, weil die Supermärkte zu übermächtig wurden. Vorher hatten sie sich noch gegen die Konkurrenz gestemmt, eine damals moderne Glasfassade gebaut und teilweise Selbstbedienung eingeführt. Die Glasfassade suchte ich jetzt vergebens, die alten Auslagenfenster waren wieder aufgemauert und über dem Geschäft eine Holztafel mit der Aufschrift „Naturkost“ angebracht. Drinnen dann alles gediegen gebaut, mit kleinen Tischchen, um Speisen zu verkosten, Fairtradeprodukte und selbstgemachte Köstlichkeiten. Wehmütig dachte ich daran, dass meinem Bruder damals bevor er zusperren musste, so etwas Ähnliches vorgeschwebt ist, es aber unmöglich zu realisieren war, weil es dafür kein Kundeninteresse gab – billige Supermärkte waren der letzte Schrei.

 

Mich überkam aber dennoch ein Glücksgefühl, denn ich bin sicher, meine Eltern und auch mein Bruder wären begeistert, wenn sie hätten erleben können, dass an dem Ort, wo sie so viel für die Versorgung ihrer Umgebung gearbeitet hatten, wieder etwas Sinnvolles entstanden ist. Ergänzend dazu kam noch, dass das abgewirtschaftete Jugendstil-Wohnhaus meiner Kindheit jetzt ebenfalls renoviert und wunderschön ist.
Für mich war dieser Ausflug in die Gegend in der ich aufgewachsen bin, ein Beweis dafür: der Wandel ist im Gange und es ist sinnvoll, wenn wir uns daran beteiligen.


Ergänzend dazu: der Friedenslauf, der ja der Anlass für meinen Ausflug war, offenbarte wie sehr geflüchtete Menschen sich hier bereits integriert haben. Es war eine bunte Gesellschaft, die sich da traf, Junge, Alte, viele Schulklassen und solche, die vorübergehend oder für immer hier eine Heimat gefunden haben. Sie liefen für den Frieden und für Projekte, die Flüchtlinge und benachteiligte Menschen hier und in anderen Teilen der Welt unterstützen.

 

Es war ein Gegenbeispiel zu Sportveranstaltungen, bei denen es nur um Konkurrenz geht, hier zeigte es sich, dass Sport Völker- und Generationenverbindend sein kann und obendrein auch richtig Spaß macht.       

 

Traude
Novy
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 31 01 02 03
04 05 06 07 08 09 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 01
© 2019 | Impressum | Intern
Darstellung: